
Illustration Absmeier foto freepik
Warum entgegen allen Unkenrufen des amerikanischen Präsidenten die solare Weltwirtschaft längst im Entstehen ist, das erläutert PV-Experte Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Privates Institut:
»Donald Trump hat einmal erklärt, Windräder seien hässlich, machten krank und seien im Grunde ein chinesischer Trick, um die USA zu schwächen. Wenn man das heute liest, wirkt es wie aus einer politischen Geisterbahn: viel Lärm, wenig Substanz, aber unfreiwillig entlarvend. Denn während Trump sich an Rotorblättern abarbeitet, baut China – und der Rest der Welt gleich mit – eine neue Energiewirtschaft auf. Leise, schnell und erstaunlich erfolgreich. Man könnte sagen: Die erneuerbare Revolution läuft, und wer noch über Unansehnlichkeit diskutiert, hat den Moment verpasst, in dem sich die Weltwirtschaft neu sortiert.
Global explodiert der Ausbau der erneuerbaren Energien, allen voran der Solarenergie. 2025 war kein weiteres Jahr in einer langen Klimadebatte, sondern ein Wendepunkt. Energieexperten sprechen vom Durchbruch, manche sogar von der vierten Energierevolution nach Kohle, Öl und Gas. Die Zahlen sind eindeutig: Die Investitionen in erneuerbare Energien haben sich weltweit in wenigen Jahren nahezu verdoppelt, Batteriespeicher wachsen rasant, Solar ist zum Leitsektor geworden. Das ist keine Zukunftsmusik mehr, das ist Gegenwart. Und trotzdem dominiert ausgerechnet im ursprünglichen Vorreiterland Deutschland oft noch die Erzählung vom Problem statt vom Erfolg. Diese Schieflage zeigt sich exemplarisch in der politischen Debatte. Bei ihrem Amtsantritt erklärte Wirtschaftsministerin Reiche, die erneuerbaren Energien seien ein zentraler Grund für hohe Strompreise und ihr Ausbau müsse gebremst werden. Mehr Gaskraftwerke sollten Abhilfe schaffen. Herausgekommen ist nach langen Verhandlungen mit der EU-Kommission nun das grüne Licht für deutlich geringere Gaskraftwerkskapazitäten – im Kern das, was ihr Vorgänger Robert Habeck Jahre zuvor bereits ausgehandelt hatte. Wertvolle Zeit wurde verspielt, eine ganze Branche verunsichert, und die negative Erzählung über die Energiewende weiter befeuert. Das ist umso absurder, weil sich parallel weltweit das Gegenteil abspielt: Erneuerbare Energien werden nicht langsamer, sondern schneller ausgebaut, und zwar aus ökonomischer Vernunft.
Wind- und Solarenergie fallen laut einer Analyse der KfW im Jahresdurchschnitt nur an etwa 15 Tagen gleichzeitig aus. In den vergangenen drei Jahren waren im Mittel lediglich an vier Prozent der Tage die Bedingungen für beide Quellen zugleich ungünstig. Daraus schließt die Förderbank: Erneuerbare Energien bilden mittlerweile das Fundament der Stromerzeugung in Deutschland.[1] Bei viel Sonne oder starkem Wind übersteigt das Angebot an erneuerbarem Strom die Nachfrage deutlich. Strompreise fallen, zeitweise werden sie sogar negativ. Strom wird exportiert oder Anlagen müssen abgeregelt werden. Das Problem sind nicht die Erneuerbaren, sondern die unzureichend angepasste Infrastruktur und ein Marktdesign aus der Zeit zentraler Großkraftwerke. Weil diese Realität nicht mehr zur alten Kritik passt, haben Gegner der Energiewende ihre Erzählung angepasst. Erst waren Wind und Sonne Versuchsobjekt, dann zu teuer, jetzt produzieren sie angeblich ›zu viel‹ und ruinieren den Markt. Besonders perfide ist dabei der Versuch, steigende Strom- und Netzkosten allein den Erneuerbaren anzulasten. Als hätte nicht die Abhängigkeit vom teuren Erdgas die Preise explodieren lassen. Als müsste der Ausbau der Netze nicht ohnehin erfolgen, weil Verkehr und Gebäude elektrifiziert werden. Die erneuerbaren Energien werden so zum Sündenbock für strukturelle Versäumnisse erklärt. Dabei wäre gerade jetzt der Moment für eine selbstbewusste Gegenerzählung. Der weltweite Durchbruch der Erneuerbaren ist ein Grund zum Feiern. Die Internationale Energieagentur (IEA) zeigt seit Jahren, dass Solarenergie die günstigste Form der Stromerzeugung ist. Investitionen fließen nicht aus Idealismus, sondern weil sie sich rechnen. Man könnte sogar von einer vierten Energierevolution sprechen – und tatsächlich verändert sich gerade das Fundament der Stromwirtschaft. Wer das ignoriert, betreibt Realitätsverweigerung.

In Deutschland jedoch tut sich das politische Denken mit exponentiellen Entwicklungen schwer. Industrielle Revolutionen tauchen im Mainstream oft nur im Rückblick auf. Wenn heute gesagt wird, Windenergie sei eine Übergangstechnologie, wie unser Bundeskanzler Friedrich Merz formuliert hat, wirkt das wie ein Echo aus einer vergangenen Debatte. Schon vor Jahrzehnten haben Vordenker prognostiziert, dass eine vollständig erneuerbare Energieversorgung möglich und notwendig ist. Hermann Scheers Begriff der solaren Weltwirtschaft, 1999 noch als Vision belächelt, zeigt sich heute tatsächlich als globale Realität. Diese Realität bedeutet nicht nur mehr Solar- und Windanlagen, sondern ein grundsätzlich anderes Energiesystem. Strom wird dezentral erzeugt, Flexibilität entwickelt sich zum zentralen Wert. Batteriespeicher, intelligente Netze, steuerbare Lasten und Backup-Kraftwerke übernehmen Rollen, die früher Großkraftwerke innehatten. Das erfordert ein Umdenken in Geschäftsmodellen, Regulierungen und Planung. Nicht weniger Energiewende, sondern mehr Systemdenken ist gefragt.
Genau hier liegt die große verpasste Chance der deutschen Debatte. Statt den globalen Durchbruch der Solarenergie offensiv zu kommunizieren, wird sie klein geredet, problematisiert und politisch relativiert. Wer jetzt bremst, verpasst nicht nur Klimaziele, sondern auch wirtschaftliche Chancen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie von Trumps Spott über chinesische Windräder. Während er über Technik herzieht, die er nicht versteht, setzt sich weltweit eine solare Weltwirtschaft durch – pragmatisch, leise und effizient. Und während anderswo investiert wird, diskutieren wir noch über Schuldfragen. Dabei ist die Sache im Kern erstaunlich einfach: Solarenergie ist günstig, skalierbar und verfügbar. Sie ist sicher, stärkt Unabhängigkeit und treibt Innovation. Oder, um es unideologisch zu sagen: Solarenergie ist die Zukunft.«
Weitere Informationen finden Sie unter https://privates-institut.com/.
Thomas Schoy
Diplom-Kaufmann Thomas Schoy ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Privates Institut. Nach seiner Tätigkeit für Banken, Versicherungen und Finanzberatungsunternehmen war er einer der ersten Investmentberater, die sich auf das Thema erneuerbare Energien konzentrierten. Dabei setzte er etwa Beteiligungsmodelle für Onshore-Windparks um. Daneben vermittelt er sein betriebswirtschaftliches Know-how auch als Privatdozent in verschiedenen Instituten.
[1] https://www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_878080.html
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