Die zweite Stufe der Digitalisierung: Blockchain – eine der drei globalen Mega-Innovationen

Der Begriff der Blockchain zirkuliert nun schon seit mehr als zehn Jahren in der Öffentlichkeit und spätestens seit den Kurssprüngen von Bitcoin und anderen Währungen im Jahr 2017 ist das Thema auch der Masse der Bevölkerung ein Begriff. Blockchain ist so viel mehr als nur Bitcoin oder Kryptowährungen. Genauso wie das Internet mehr ist als nur Amazon. Bitcoin ist nur eine Anwendung auf der Blockchain.

Trotz aller Versprechen und attestierten Potenzialen konnte die Technologie der Blockchain noch keine sogenannte Killer-Applikation vorzeigen. Darunter werden Anwendungen ve rstanden, die das Potenzial auf disruptive Weise aufzeigen. Das Kryptospiel Cryptokitties kam einer solchen Anwendung bislang am nächsten. Das war im Jahr 2017.

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Auch wenn das Thema in den Medien zuletzt weniger Sichtbarkeit erfahren hat und auch der Hype rund um Kryptowährungen abgeflaut ist, lohnt es sich dennoch einen Blick in den Maschinenraum zu werfen. Denn im Hintergrund bewegt sich derzeit ausgesprochen viel. Sowohl politisch als auch wirtschaftlich werden derzeit die großen Hebel bedient.

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Die deutsche Bundesregierung befindet sich momentan in der Konsultationsphase mit der Community um eine deutsche Blockchain-Strategie bis zum Sommer 2019 festzulegen. Wohlgemerkt die einzige wirtschaftspolitische Strategie neben jener für die zweite Mega-Innovation, der künstlichen Intelligenz. Neben Berlin gibt es noch eine weitere europäische Stadt, die derzeit einiges unternimmt, um den enormen Rückstand in der Digitalisierung aufzuholen: Brüssel. Maßgeblich von der europäischen Kommission vorangetrieben wurde am 3. April 2019 in den Räumlichkeiten der EU die Gründung von INATBA verkündet. Die International Association of Trusted Blockchain Applications startet mit über 100 Mitgliedern – von Konzernen wie IBM bis zu Start-ups – mit dem Ziel Europa zum Epizentrum der Blockchain avancieren zu lassen.

Und die Chancen das dies gelingt, sind verhältnismäßig gut. Neben der Robotik, der dritten Mega-Innovation, ist der europäische Kontinent ein sehr relevantes Zentrum für diese Technologie. In der EU werden mehr als 600 Blockchain Start-ups vermutet und alleine in Berlin befinden sich mehr als 50. Auch Konzerne widmen sich diesem Thema mittlerweile deutlich zielführender als noch vor zwei Jahren. Die Börse Stuttgart hat kürzlich ihre App Bison veröffentlicht und vor allem die Deutsche Bahn gilt in diesem Segment als äußerst aktiv.

Es gibt nahezu keine Branche, die es sich leisten kann, das Thema nicht zu berücksichtigen. Blockchain links liegen zu lassen, ist in der aktuellen Situation nicht empfehlenswert. Das ist vergleichbar, mit der Ablehnung des Internets in den Nullerjahren des letzten Jahrzehntes. Eine Entscheidung, die von der Taxibranche bis zur Musik-industrie sicherlich schmerzlich bereut wird. Auch damals wurde eine sehr leistungsfähige Technologie unterschätzt und stattdessen von neuen, jungen Playern adoptiert und zum Erfolg skaliert.

Blockchain – eine hochkomplexe Angelegenheit? Blockchain gilt als eine sehr komplexe und schwer verständliche Technologie. Das mag im Detail – gerade in den kryptographischen Aspekten – zutreffend sein. Im Großen und Ganzen lässt sich die Technologie dennoch gut greifen und damit portraitieren. 

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Im Grunde ist Blockchain erstmal nur eine Datenbank. Eine Datenbank mit besonderen Merkmalen. Denn diese Datenbank kann nicht manipuliert werden. Änderungen von bestehenden Einträgen sind ausgeschlossen. Man spricht auch vom Netzwerk des Vertrauens und der Werte, während das Internet ein Netzwerk der Informationen verkörpert.

Es gibt in Deutschland viele Start-ups, die ihr Wissen gern an größere Unternehmen weitergeben sowie reine Consulting-Unternehmen, die sich auf die Vermittlung von Wissen und der Skizzierung von Use Cases spezialisiert haben. 

In dieser Symbiose ist es problemlos möglich, sich dem Thema zu nähern und mögliche Anwendungsfälle im eigenen Unternehmen zu identifizieren, zu evaluieren und im Erfolgsfall auch zu implementieren. Ob am Ende eine »richtige« Blockchain wie Bitcoin oder Ethereum genutzt wird oder eine sogenannte Private Blockchain wie Hyperledger, Corda oder Private Ethereum, ist dabei erstmal nebensächlich.

Realisierung von Anwendungsfällen. Ist ein Use Case definiert, welcher auch wirtschaftlich vielversprechend klingt, beginnt die technische Umsetzung. Dabei gibt es zwei mögliche Wege, die beschritten werden können. Entweder die komplette technische Architektur wird selbst entwickelt (Individualsoftware) oder es wird auf bereits bestehende Lösungen zurückgegriffen (Standardsoftware). 

Die Selbstentwicklung ermöglicht möglicherweise einige Vorteile, wie das selbstbestimmte Ausgestalten von einzelnen Komponenten. Jedoch mangelt es häufig an menschlichen Entwicklerressourcen und an Fachwissen über Blockchain. In diesem Fall kann eine Standardsoftware die bestehende Lücke zur Realisierung des Ziels der eigenen Blockchain-Anwendung schließen. Solche Angebote werden als »Wallet as a Service« bezeichnet und bieten zumeist eine bestehende Verbindung zur Wunsch-Blockchain, ein Modul zur Signierung von Transaktionen sowie eine sichere Aufbewahrung von Private Keys an. Diese Dienste werden über eine Schnittstelle zur Verfügung gestellt, sodass jeder Entwickler in kürzester Zeit diese nutzen und in das jeweilige Zielsystem implementieren kann. Quasi Blockchain out-of-the-box.

Wirtschaftlichkeit von Blockchain Anwendungen. Ob und wie Blockchain dabei helfen kann Kosten zu sparen oder neue Umsatzquellen zu eröffnen, ist stets fallabhängig. In der Unterhaltungsindustrie können dank Blockchain neue Erlösmodelle angewandt werden, wie etwa digitale Marktplätze für Spielgegenstände. Im Bereich der Finanzindustrie hilft Blockchain Kosten zu sparen, etwa bei Auslandsüberweisungen, indem viele Zwischenstellen nicht länger benötigt werden, da die Überweisung via Blockchain direkt in das Zielland und der entsprechenden Empfängerbank transferiert wird. Und zwar in Minuten statt in Tagen.

Am Ende ist entscheidend, sich mit Blockchain zu beschäftigen, eigene Kompetenz im Unternehmen aufzubauen, auf die richtigen Partner zu setzen und bereit zu sein, wenn sich globale Use Cases weiter etablieren, um mit- und letztlich an den Wettbewerbern vorbeiziehen zu können. Blockchain ist die zweite Stufe der Digitalisierung, die sogenannte Tokenisierung. Genauso wie bei der Digitalisierung kann man auch bei der Tokenisierung sich nicht zu früh damit auseinandersetzen.


Martin Kreitmair,
Mitgründer, Geschäftsführer,
Tangany GmbH

 

 

 

Illustrationen: © Yurchanka Siarhei /shutterstock.com

 

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