Digital Witch Project – Digitalisierung ist kein Horror

Innere Unruhe? Stress? Schweißausbrüche? Digitalisierung macht Angst – oder mindestens Unbehagen. Angst vor Neuem, Angst vor Aufwand, Angst vor der potenziellen Überwachung oder dem Datendiebstahl. Dazu passt, dass gemäß des Digitalisierungsindexes Mittelstand über die Hälfte der deutschen Mittelständler Digitalisierung nicht in der Geschäftsstrategie verankert haben [1]. Mit einer anderen Denkweise ist die Digitalisierung aber kein Horror.

Unternehmen sind, ob sie wollen oder nicht, schon jetzt Teil der Digitalisierung. Sie ist kein Lifestyle, dem sie sich anschließen können. Sie ist ein Wandel mit globaler Auswirkung, ein Megatrend. Dabei geht es nicht nur um technische Effizienz oder Kosteneinsparung, sondern um ein neu angebrochenes Zeitalter. Es geht darum, in alle Richtungen auszahlende Mehrwerte zu schaffen.

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Beispielsweise können Produkte heute im Bruchteil der Zeit eingeführt werden, als das noch vor 50 Jahren der Fall war. Ein kleines Start-up kann sofort die bestehende Logistik einer global vernetzten Welt nutzen und zum Beispiel von einem Tag auf den anderen vom Szenecafé per Tablet T-Shirts mit Logos oder Sprüchen verkaufen. Um Produktion, Druck, Vertrieb kümmern sich andere. Umgekehrt kann sich kein Geschäftsführer, der Unternehmen und Infrastruktur über Jahrzehnte aufgebaut hat, sicher sein, dass nicht ein Mitbewerber auftaucht, der vorhandene Lösungen und Prozesse nutzt, statt sie selber zu entwickeln.

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Wer hat Angst vorm digitalen Mann? Damit stellt sich die Frage: Für wen ist die Digitalisierung der größte Horror? Für neue Mitarbeiter nicht! Eventuell müssen sie kleinere technische Umstellungen in Kauf nehmen, aber im Grunde beginnen sie ihre neue Arbeitsstelle ohnehin bei Null. Zugegeben: Langjährige Angestellte tun sich dann etwas schwerer. Sie sind die gleichen Lösungen, Maschinen und Arbeitsprozesse gewohnt und haben das immer so gemacht. Ihnen helfen aber Mitarbeiter, die sich mit dem Neuen beschäftigt und es annehmen. Diese arbeiten in jedem Unternehmen und lassen sich als Multiplikatoren nutzen. Sie finden Veränderungen per se gut und sind neuen Lösungen gegenüber aufgeschlossen und freuen sich, wenn sie ihre Technikaffinität während der Arbeit ausleben dürfen. Es kann sehr hilfreich sein, sie als Vehikel für die Digitalisierung einzusetzen.

Ein wahres Grauen ist die Digitalisierung also hauptsächlich für die Verantwortlichen beziehungsweise die Geschäftsführung: Dieser auferlegte, leidige Prozess bindet Ressourcen, niemand weiß, wohin er führt oder wie er die Zukunft und das Unternehmen beeinflussen wird. Verantwortliche und Geschäftsführer gleichermaßen müssen ihre berufliche Komfortzone verlassen.

Angst vor der Digitalisierung ist schlimmer als die Digitalisierung selbst. Dass dazu der Mut fehlt, ist verständlich, allerdings unnötig. Die Angst vor Digitalisierung ist auf einen von vier Gründen zurückzuführen: »Ich muss etwas ändern«, »wie verändere ich das«, »was passiert, wenn ich das ändere« und vor allem »ich sehe mich nicht in der Lage, das zu ändern und muss mir meine vermeintliche Unfähigkeit eingestehen«. Plötzlich geraten Entscheider in Ohnmacht. Sie stehen vor dem Problem, dass sie auf der einen Seite eine enorme, manchmal unangefochtene Kenntnistiefe von Lösungen, Produkten und Prozessen ihrer Branche haben, aber keine Ahnung von der Digitalisierung. Auf der anderen Seite wird gleichzeitig genau das von ihnen erwartet.

Ein neuer Denkansatz könnte dann sein, dass die Veränderung ohnehin kommt. Wie Unternehmen sie annehmen wollen, das hängt von ihnen ab: Die Digitalisierung ist entweder bequeme Evolution oder unbequeme Revolution. Ja, »ich muss etwas ändern«. Bevor Unternehmen allerdings von einer zu hohen Anzahl an Änderung wie von einer Welle erfasst werden, können sie jeden Tag in kleinen Schritten aktiv an sich arbeiten. Heute HR, morgen Software, übermorgen Produktion. Das Gute daran: Es kann jederzeit nachjustiert werden. Dem Mitbewerb geht es ganz genauso.

Wie Veränderung vollzogen werden, bedarf dann aber ein wenig Planung. Niemandem ist geholfen, wenn der Einkauf jedem Vertriebler ein Tablet zur Verfügung stellt und das dann digitale Transformation nennt. Das ist höchstens digitale Geldverbrennung. Voraussetzung ist eine kluge Ideenfindung, welche Prozesse und Strategien erleichtert werden sollen, wo analog zu digital werden soll und wo digital noch nicht intelligent genug ist. Entscheidend ist nicht die fertige Lösung, sondern in welche Richtung es gehen soll. Eine Anpassung on the job ist wie gesagt jederzeit möglich.

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Am Ende bleibt nur der Schrecken, das Entscheider sich eingestehen müssen, nicht ad hoc und immer jede Antwort zu kennen. Die Vogel-Strauß-Taktik hilft hier aber nicht. Tröstend ist immerhin der Fakt, dass es niemandem alleine so geht: Rund 60 Prozent der deutschen Mittelständler sehen sich eher als Nachzügler, denn als Vorreiter der Digitalisierung. Konkreter hilfreich ist aber das gute alte Team-Play. Damit ergibt sich dann gefühlt von allein ein Lösungsansatz: Ein Team kann Ideen zusammentragen und so zu einem erfolgreichen Ergebnis führen.

Über den digitalen Schatten springen. Egal von welchem der vier Gründe sich Unternehmen ausgebremst fühlen, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Die gute: Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Das bedeutet, es ist nicht zu spät, einfach loszulegen, wenn auch nicht im blinden Aktionismus. Eine durchdachte Struktur ist und bleibt unerlässlich.

Aber es muss eben noch nicht der Masterplan sein. Die Digitalisierung kann individuell und an vielen unterschiedlichen Stellen angepackt werden. Je nach Präferenzen beziehungsweise Unternehmensprioritäten kann das bei den Mitarbeitern, den Lösungen, den Prozessen oder anderen Stellen sein. Hauptsache ist, keine Angst vor dem Wandel zu haben. Schließlich ist die Digitalisierung genau das: ein Wandel. Ein Prozess, Learning by Doing.


Fabian Schütze, COO,
TRESONUS GmbH und Co. KG.

 

[1] www.digitalisierungsindex.de

 

Illustration: © Mboo/shutterstock.com

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