Exporte, Industrie und staatliche Ausgaben stützen das Wachstum, während hohe Energiepreise, schwache private Investitionen und der demografische Wandel das Potenzial begrenzen. Für Entscheider zählt deshalb weniger das kurzfristige Plus als die Frage, ob Investitionen, Produktivität und Finanzpolitik den Aufschwung strukturell absichern.
Management Summary
- Aufschwung mit begrenzter Reichweite: Das reale BIP soll 2026 um 1,3 Prozent, 2027 um 1,1 Prozent und 2028 nur noch um 0,4 Prozent wachsen.
- Industrie und Exporte liefern den Impuls: Robuste Auslandsnachfrage und der globale KI-Boom stärken das Verarbeitende Gewerbe; Konsum und Unternehmensinvestitionen bleiben dagegen schwach.
- Energie und Logistik bleiben Risikofaktoren: Hohe Energiepreise drücken auf Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit, Niedrigwasser beeinträchtigt vorübergehend besonders die Chemieproduktion.
- Demografie deckelt das Potenzial: Das schrumpfende Erwerbspersonenpotenzial senkt das Trendwachstum; Produktivität, Automatisierung und qualifizierte Zuwanderung gewinnen strategisch an Bedeutung.
- Finanzpolitik gerät unter Druck: Das Staatsdefizit steigt laut Prognose von 4,1 Prozent des BIP 2026 auf 4,7 Prozent 2028 – bei wachsenden Zinslasten und höherem Konsolidierungsbedarf.
Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende 2025 im Aufschwung. Die Erholung fällt stärker aus als noch im Frühjahr erwartet, bleibt aber schwach. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für das laufende Jahr ein BIP-Plus von 1,3 Prozent und für die beiden folgenden Jahre von 1,1 Prozent beziehungsweise 0,4 Prozent. Gegenüber dem Frühjahr wurde die Prognose für 2026 um 0,7 und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. »Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten«, sagt Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Im laufenden Quartal bremst zudem Niedrigwasser die Aktivität vorübergehend. Das staatliche Defizit nimmt weiter zu, sodass sich ein wachsender Konsolidierungsbedarf aufstaut.
Die deutsche Wirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich kräftiger entwickelt als noch im Frühjahr erwartet. Vor allem die Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten überraschend stark zu. Impulse kamen von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-Boom; zugleich waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-Kriegs erheblichen Produktionsbeeinträchtigungen ausgesetzt. Auch der Staatsverbrauch nahm kräftig zu. Die Unternehmensinvestitionen und der private Konsum blieben dagegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock hat die deutsche Wirtschaft zwar gebremst, die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang aber kaum auf die übrigen Verbraucherpreise übergesprungen.
Im dritten Quartal hat sich die Erholung vorübergehend verlangsamt. Die Stimmungsindikatoren haben sich zwar weiter aufgehellt, am aktuellen Rand fallen die harten Konjunkturdaten jedoch schwächer aus. Insbesondere das seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser behindert die Produktion in der Chemischen Industrie. Zugleich belasten die höheren Energiepreise die Kaufkraft und damit den privaten Konsum. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im dritten Quartal lediglich um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen sein. Mit einer Normalisierung der Pegelstände sollten die Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nachlassen. Die robuste Nachfrage aus dem Ausland sowie steigende öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur stützen dann die weitere Erholung.
Für das Jahr 2027 erwarten die Institute eine Fortsetzung des Aufschwungs. Dieser wird vor allem von der inländischen Verwendung getragen. Der private Konsum dürfte mit den real verfügbaren Einkommen moderat zulegen, und die Wohnungsbauinvestitionen dürften allmählich anziehen. Die private Investitionstätigkeit bleibt insgesamt jedoch wohl schwach. Im Jahr 2028 verliert die Expansion an Tempo. Dabei zeigt sich zunehmend eine strukturelle Grenze des Aufschwungs: Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft demographiebedingt, und das Potenzialwachstum geht weiter zurück. Bereits geringe Zuwachsraten reichen daher künftig aus, um die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten auszulasten.
Alles in allem rechnen die Institute mit einem Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent im Jahr 2026, 1,1 Prozent im Jahr 2027 und 0,4 Prozent im Jahr 2028. Gegenüber dem Frühjahr wird die Prognose für 2026 um 0,7 Prozentpunkte und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Die Inflation dürfte von 2,8 Prozent in diesem Jahr zunächst auf 3,2 Prozent im Jahr 2027 steigen und 2028 auf 2,0 Prozent zurückgehen. Am Arbeitsmarkt kommt die Erholung verzögert an: Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, während die Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent im Jahr 2026 auf 6,2 Prozent im kommenden und 5,8 Prozent im Jahr 2028 zurückgeht.
Die Institute sehen zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik. Das staatliche Finanzierungsdefizit steigt von 4,1 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028. Der Zuwachs der Nettoprimärausgaben dürfte den im europäischen Regelwerk vorgesehenen Pfad deutlich überschreiten. Auch bei Einhaltung der reformierten nationalen Schuldenbremse wird die Schuldenquote mittelfristig weiter steigen; zudem nehmen die Zinsausgaben erheblich zu. Damit wächst der Konsolidierungsbedarf.
[1] Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal im Jahr im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt. Am Herbstgutachten 2026 haben mitgewirkt:
– Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
– ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. in Kooperation mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)
– Kiel Institut für Weltwirtschaft
– Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
– RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Die Langfassung des Gutachtens gibt es hier:
https://gemeinschaftsdiagnose.de/category/gutachten/
FAQ: Was Entscheider jetzt wissen müssen
- Wie stark wächst die deutsche Wirtschaft laut Herbstgutachten?
Die Institute erwarten ein reales BIP-Plus von 1,3 Prozent im Jahr 2026, 1,1 Prozent 2027 und 0,4 Prozent 2028. - Warum wurde die Prognose angehoben?
Das erste Halbjahr 2026 verlief kräftiger als erwartet. Vor allem Exporte und Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten zu; für 2026 wurde die Prognose gegenüber dem Frühjahr um 0,7 Prozentpunkte angehoben. - Was trägt den Aufschwung?
Tragende Faktoren sind die robuste Weltkonjunktur, der globale KI-Boom, stärkere Exporte sowie höhere staatliche Ausgaben, insbesondere für Verteidigung und Infrastruktur. - Wo bleibt die Erholung schwach?
Unternehmensinvestitionen und privater Konsum entwickeln sich verhalten. Damit fehlt dem Aufschwung ein breites binnenwirtschaftliches Fundament. - Welche Rolle spielen die Energiepreise?
Höhere Energiepreise belasten die Kaufkraft und die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Unternehmen. Der Preisschub bei Kraftstoffen und Heizöl ist bislang jedoch kaum auf andere Verbraucherpreise übergesprungen. - Warum ist Niedrigwasser ein Konjunkturthema?
Niedrige Pegelstände verteuern oder begrenzen Transporte auf Wasserstraßen. Laut Gutachten bremst dies vor allem die Chemieindustrie; mit normalisierten Pegeln sollen die Hindernisse nachlassen. - Wie entwickelt sich die Inflation?
Die Institute prognostizieren 2,8 Prozent für 2026, 3,2 Prozent für 2027 und einen Rückgang auf 2,0 Prozent im Jahr 2028. - Wann erreicht die Erholung den Arbeitsmarkt?
Verzögert: Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter. Die Arbeitslosenquote soll von 6,4 Prozent 2026 auf 6,2 Prozent 2027 und 5,8 Prozent 2028 zurückgehen. - Warum verliert das Wachstum 2028 an Tempo?
Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft demografisch, das Potenzialwachstum sinkt und die Finanzpolitik wirkt 2028 leicht restriktiv. Dadurch wird die strukturelle Wachstumsgrenze sichtbarer. - Was bedeutet die Prognose für Unternehmensleitungen?
Entscheidend sind robuste Szenarien für Energie, Nachfrage und Finanzierung. Priorität haben produktivitätssteigernde Investitionen, Automatisierung, belastbare Lieferketten und eine vorsichtige Liquiditätsplanung.
Recherchegrundlage: Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026, DIW Berlin: Pressemitteilung und Eckdaten, ifo Institut: Deutschland und Staatsschulden, jeweils veröffentlicht am 24. September 2026. Prognosen sind erwartete Entwicklungen und keine Gewissheiten.
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