Top-Ökonomen warnen vor Marginalisierung Europas im internationalen KI-Wettbewerb und stellen neue Strategie vor

Illustration Absmeier foto ki designer
Europa steht im globalen KI-Wettbewerb unter wachsendem Handlungsdruck. Eine hochrangig besetzte Expertenkoalition fordert von EU und Mitgliedstaaten eine gemeinsame Strategie für Rechenleistung, sichere Lieferketten, krisenfeste Institutionen und den verlässlichen Zugang zu Spitzenmodellen. Für Unternehmen geht es dabei nicht nur um Technologiepolitik, sondern um Standortqualität, Investitionsbedingungen, Cyberresilienz und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Management Summary
- Strategische Abhängigkeit wächst: Ohne rasches Handeln droht Europa beim Zugang zu leistungsfähigen KI-Modellen, Infrastruktur und Wertschöpfung dauerhaft gegenüber den USA und China zurückzufallen.
- Rechenleistung wird zum Standortfaktor: Die Strategie nennt 15 Prozent Anteil an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität bis 2030 als Ziel; dafür wären zusätzliche Energie, schnellere Genehmigungen und Kapital in erheblichem Umfang nötig.
- Zugang vor Autarkie: Angesichts der Kosten eigener Spitzenmodelle setzt der Ansatz vor allem auf verlässliche Vereinbarungen mit internationalen Anbietern und auf europäische Kontrolle kritischer Infrastruktur.
- Sicherheit muss operativ werden: EU-Institutionen und Mitgliedstaaten sollen technische Expertise aufbauen, kritische Infrastrukturen härten und sich auf KI-bedingte Cyber-, Bio- und Kontrollrisiken vorbereiten.
- Unternehmen brauchen bessere Rahmenbedingungen: Reformen, Investitionen und ein stärkeres Innovationsökosystem sollen Europa für schnell wachsende KI-Unternehmen attraktiver und in globalen Lieferketten unverzichtbarer machen.
Eine Koalition der führenden Ökonomen, Politiker und KI-Experten Europas – darunter Nobelpreisträger Philippe Aghion und die frühere EU-Kommissarin Margrethe Vestager – warnt davor, dass Europa Gefahr läuft, unwiderruflich von einer Handvoll ausländischer Regierungen und Einzelpersonen abhängig zu werden, sollte in diesem Jahr nicht entschlossen gehandelt werden. Um den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission Handlungsfähigkeit zu verschaffen, hat die Expertenkoalition, der auch Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und ifo-Präsident Clemens Fuest angehören, eine wegweisende Transformative-AI-Strategie veröffentlicht. Sie legt dar, wie Europa sich Zugang zu KI der Spitzenklasse sichern, den Ausbau von Infrastruktur auf europäischem Boden fördern, seine Bürgerinnen und Bürger vor KI-bedingten Krisen wie Cyberangriffen und biologischen Sicherheitsrisiken schützen und sicherstellen kann, dass seine Institutionen mit anderen globalen Mächten Schritt halten können.
Die Autorinnen und Autoren der Strategie sind überzeugt, dass Europa mit der Umsetzung der Empfehlungen auf einen Kurs gebracht werden kann, im KI-Zeitalter erfolgreich zu sein – betonen jedoch, dass sich das Zeitfenster schnell schließt, da andere Länder wie China und die USA mit Investitionen und der Gewinnung von Spitzentalenten weiter voranschreiten.
Margrethe Vestager, ehemalige geschäftsführende Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Kommissarin für Wettbewerb, stellvertretende Ministerpräsidentin Dänemarks und Mitautorin der Strategie, erklärte: »Wir dürfen nicht zulassen, dass Europa zum Spielfeld ausländischer Mächte wird. Unsere Bürgerinnen und Bürger spüren bereits heute die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Entscheidungen, die anderswo getroffen werden. KI wird diese Entwicklung beschleunigen und unser persönliches Leben, unsere Beziehungen, unser Lernen und unsere Arbeit in einem beispiellosen Tempo verändern. Wenn die Wertschöpfung außerhalb unserer Grenzen stattfindet, werden wir diesen Veränderungen mit weniger Mitteln begegnen können. Das sollte uns weit mehr beunruhigen, als es derzeit der Fall ist. Wir müssen handeln. Überall in der Union nehmen Regierungen KI entweder nicht ernst genug oder konzentrieren sich auf andere Prioritäten. Die Empfehlungen in diesem Bericht sind konkret und sofort umsetzbar. Kommission und Mitgliedstaaten können jetzt handeln. Nichts sollte uns davon abhalten!«
Mit Mut kann Europa im Zeitalter transformativer KI erfolgreich sein
Europa verfügt über die nötigen Ressourcen, um im KI-Zeitalter zu bestehen – doch das Zeitfenster, diese Stärken zu nutzen, schließt sich rasch. Europa hat einen großen Markt, mehrere Schlüsselunternehmen in der KI-Lieferkette – etwa den Lithografie-Marktführer ASML – sowie starke technische Talente. Je näher wir jedoch einer Welt kommen, in der KI dominiert, desto stärker dürften Europas Stärken relativ an Wert verlieren, während der verlässliche Zugang zu KI an der globalen Spitze deutlich schwieriger werden könnte. Um in kritischen Bereichen wie Verteidigung, Cybersicherheit oder Wissenschaft nicht ins Hintertreffen zu geraten, muss Europa sich entweder Zugang zu ausländischer Spitzen-KI sichern oder selbst wettbewerbsfähige Spitzen-KI entwickeln. Die Strategie behandelt beide Ansätze, konzentriert sich jedoch angesichts der extrem hohen Kosten eines erfolgreichen eigenen europäischen Spitzen-KI-Projekts auf den Zugang zu den weltweit fortschrittlichsten KI-Modellen.
Philippe Aghion, französischer Ökonom, Nobelpreisträger und ebenfalls Mitautor der Strategie, erklärte: »Europa läuft angesichts der außergewöhnlichen Entwicklungen im Bereich KI akut Gefahr, ins Abseits zu geraten. Wir können entweder auf einem Kurs bleiben, der Sicherheit und Wohlstand der Europäer von Entscheidungen über KI abhängig macht, die von ausländischen Unternehmen und Regierungen getroffen werden. Oder Europas Führungskräfte stellen sich dieser Herausforderung und finden den Mut, entschlossen und unverzüglich zu handeln, damit Europa die Wende schafft und in einer durch KI transformierten Welt erfolgreich besteht. Von Washington bis Peking behandelt jede andere Großmacht KI mit der Ernsthaftigkeit, die ihr zusteht. Es steht außer Frage, dass KI den Verlauf unser aller Zukunft bestimmen wird – ob im öffentlichen Dienst oder in den Unternehmen, von denen unsere Beschäftigung abhängt. Deshalb ist es nicht nur wichtig, sondern unerlässlich, dass die gesamte Union ihre Anstrengungen verzehnfacht.«
Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Mitentwicklerin der Strategie, ergänzte: »Unseren Prognosen zufolge benötigt Europa bis 2030 45 Gigawatt an zusätzlicher Energie für Datenzentren, wenn es bei dieser kritischen Infrastruktur nicht von ausländischen Mächten abhängig sein will. Dafür sind Investitionen in der Größenordnung von 1,3 Billionen Euro erforderlich, und europäische Unternehmen allein werden das nicht stemmen können. Deshalb müssen wir mehr für Investitionen aus dem Ausland tun.«
Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts und Mitautor, sagte: »Europa droht ohne entschlossenes Handeln ab diesem Jahr eine dauerhafte Marginalisierung. Europäische Modellentwickler erwirtschaften zusammen weniger als 2 % des Umsatzes von nur zwei US-amerikanischen Konkurrenten, der Ausbau von Datenzentren ist im internationalen Vergleich ungenügend. Die europäischen Institutionen sind nicht dafür gerüstet, einen raschen und holprigen Übergang zur transformativen KI zu bewältigen. Insgesamt bedroht dieser Status quo den Wohlstand, die Souveränität und die Sicherheit aller Europäer.«
Empfehlungen der Transformative-AI-Strategie
Mitgliedstaaten und Europäische Kommission sollten die folgenden unmittelbaren Ziele mit höchster Dringlichkeit verfolgen:
- Eine Allianz der Mitgliedstaaten für sichere Lieferketten schaffen.
Europäische Länder beherbergen zentrale Engpassstellen der globalen KI-Lieferkette, nutzen deren strategisches und wirtschaftliches Potenzial jedoch nicht aus. Eine Allianz williger Mitgliedstaaten könnte dies in Abstimmung mit der Europäischen Kommission zum Nutzen der gesamten Union ändern. - Europäische Institutionen fit für eine transformative KI-Welt machen.
Spitzen-KI-Expertise und -Technologie in die europäischen Institutionen holen, damit diese mit der technologischen Entwicklung Schritt halten können. - Europas Anteil an globaler KI-Rechenleistung auf »europäische Art« sichern.
KI-Rechenzentren auf europäischem Boden ermöglichen dauerhaften Zugang zu ausländischen KI-Modellen und verhindern Abhängigkeiten. Europa sollte deren Bau deutlich erleichtern und zugleich verlangen, dass KI-Unternehmen sicherstellen, dass lokale Gemeinschaften davon profitieren. Ziel sollte ein Anteil von 15 % an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität bis 2030 sein – gegenüber derzeit rund 5 %. - Resilienz gegenüber KI-Krisen sicherstellen.
Transformative KI könnte erhebliche Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit mit sich bringen und großflächige Katastrophen auslösen. Europa sollte unter anderem kritische Infrastrukturen härten, Krisenressourcen vorhalten und die Fähigkeit aufbauen, durch KI ermöglichte Cyber-, biologische und Kontrollverlust-Vorfälle zu bewältigen. - Europa zum globalen Marktführer bei Prüf- und Sicherungstechnologie machen.
Europa zum Innovationsführer bei KI-Hardware machen, deren Sicherheit und Nutzungsmuster nachweisbar sind – eine mögliche Voraussetzung dafür, ausländische Spitzenmodelle zu beherbergen und die Einhaltung künftiger internationaler KI-Vereinbarungen zu überprüfen.
Mitgliedstaaten und Europäische Kommission sollten zudem weitere Ziele entlang drei Säulen verfolgen:
- Zugang zu Spitzen-KI sichern.
Europa sollte seine technologischen und wirtschaftlichen Stärken nutzen, um verlässlichen Zugang zu ausländischen Spitzen-KI-Fähigkeiten zu verhandeln – und diese Werte zugleich vor ausländischer Übernahme oder Wertverlust schützen. - Wirtschaftliche Stärke aufbauen.
Europa muss zu einem attraktiven Standort für schnell wachsende Unternehmen werden, um zu einem unverzichtbaren Teil der KI-Wertschöpfungskette zu werden – durch längst überfällige Reformen, den Ausbau bestehender Stärken und gezielte Wetten auf vielversprechende neue Zukunftsfelder. - Sicherheit gewährleisten.
Die Europäische Kommission sollte sicherstellen, dass die Durchsetzung ihres Code of Practice zur Minderung extremer (»systemischer«) Risiken durch Spitzen-KI – von vielen, auch den regulierten Unternehmen, als angemessen gelobt – auf technischen Bewertungen und nicht auf politischen Erwägungen beruht. EU-Mitgliedstaaten sollten Beschäftigte vor Verwerfungen am Arbeitsmarkt schützen.
Über die Transformative-AI-Strategie
Entwickelt von einer Koalition weltweit anerkannter und maßgeblicher Politiker, Ökonomen und KI-Experten, ist die Transformative-AI-Strategie ein Handlungsleitfaden für Europa.
Aufbauend auf jahrzehntelanger Expertise und praktischer Erfahrung aller Autorinnen, Autoren und Beraterinnen und Berater bietet die Strategie mehr als 40 Empfehlungen, die von den EU-Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission aufgegriffen werden können, damit Europa und seine Bürgerinnen und Bürger in einer Welt transformativer KI erfolgreich bestehen können.
Strategie herunterladen unter: https://transformative-ai.eu/
FAQ: Europas Strategie für transformative KI
- Warum ist Europas Position im globalen KI-Wettbewerb so kritisch?
Europa verfügt zwar über einen großen Binnenmarkt, qualifizierte Fachkräfte und Schlüsselunternehmen wie ASML. Bei leistungsfähigen KI-Modellen, Rechenkapazitäten und Investitionen wächst jedoch der Rückstand auf die USA und China. Die Autoren der Strategie warnen deshalb, dass Europa technologisch und wirtschaftlich dauerhaft von Entscheidungen ausländischer Anbieter und Regierungen abhängig werden könnte. - Weshalb drängt die Expertenkoalition auf sofortiges Handeln?
Nach Einschätzung der Autoren schließt sich das strategische Zeitfenster schnell. Andere Wirtschaftsräume bauen ihre KI-Infrastruktur aus, werben Spitzentalente ab und investieren hohe Summen in neue Modelle. Bleibt Europa auf seinem bisherigen Kurs, könnten zentrale technologische Abhängigkeiten kaum noch aufzuholen sein. - Braucht Europa ein eigenes KI-Spitzenmodell?
Die Strategie schließt ein europäisches Spitzenmodell nicht aus, hält ein solches Vorhaben aber für außerordentlich kapitalintensiv. Kurzfristig setzt sie daher stärker auf vertraglich und politisch abgesicherten Zugang zu den leistungsfähigsten internationalen Modellen. Parallel soll Europa eigene technologische Stärken ausbauen und vor Übernahmen oder Wertverlust schützen. - Warum werden Rechenzentren zur strategischen Infrastruktur?
Wer Rechenleistung im eigenen Wirtschaftsraum vorhält, reduziert Abhängigkeiten und verbessert den dauerhaften Zugang zu leistungsfähigen KI-Angeboten. Deshalb soll Europas Anteil an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität nach dem Willen der Autoren bis 2030 von derzeit rund fünf auf 15 Prozent steigen. - Welche Größenordnung hätte der Ausbau der europäischen KI-Infrastruktur?
Die im Beitrag zitierte Prognose geht bis 2030 von zusätzlich 45 Gigawatt Energiebedarf für Datenzentren aus. Zugleich wären Investitionen von etwa 1,3 Billionen Euro erforderlich. Weil europäische Unternehmen diese Summe kaum allein aufbringen können, plädiert die Strategie auch für mehr ausländisches Kapital. - Was folgt aus der Strategie für Unternehmen und IT-Verantwortliche?
Bessere Infrastruktur und ein verlässlicher Zugang zu Spitzenmodellen könnten Investitionen, Innovation und Skalierung erleichtern. Gleichzeitig müssten Unternehmen ihre Cyberresilienz, KI-Governance und technische Risikovorsorge ausbauen. KI-Strategie würde damit noch stärker zu einer Aufgabe der Unternehmensführung. - Auf welche KI-Risiken soll sich Europa konkret vorbereiten?
Im Mittelpunkt stehen durch KI verstärkte Cyberangriffe, biologische Sicherheitsrisiken und mögliche Kontrollverlust-Szenarien. Hinzu kommen wirtschaftliche und soziale Folgen, etwa Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Strategie fordert deshalb gehärtete Infrastrukturen, Krisenressourcen und klar definierte Reaktionsfähigkeiten. - Wie will Europa seine Position in den KI-Lieferketten stärken?
Mehrere europäische Unternehmen besetzen Schlüsselstellen, insbesondere in der Halbleiter- und Fertigungstechnik. Eine Allianz handlungsbereiter Mitgliedstaaten soll diese Positionen strategisch absichern und gegenüber internationalen Partnern gezielter nutzen. Ziel ist es, Europas Verhandlungsmacht und Versorgungssicherheit zu erhöhen. - Sind die europäischen Institutionen für transformative KI gerüstet?
Nach Einschätzung der Autoren bislang nicht ausreichend. EU-Institutionen und Mitgliedstaaten sollen deshalb mehr technische Expertise aufbauen, moderne KI-Werkzeuge einsetzen und Risiken fachlich fundiert bewerten. Nur so könnten politische Entscheidungen mit dem hohen Entwicklungstempo der Technologie Schritt halten. - Woran ließe sich erkennen, ob Europas KI-Strategie wirkt?
Messbare Fortschritte wären ein deutlich höherer Anteil an globaler Rechenkapazität, belastbare Vereinbarungen über den Zugang zu Spitzenmodellen und steigende Investitionen in europäische KI-Standorte. Hinzukommen müssten resilientere Institutionen sowie ein größerer europäischer Anteil an der Wertschöpfung und an sicherheitsrelevanten Technologien.
Management Summary, FAQ und Bild wurden mit Hilfe von KI erstellt
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