Die EU verhängt eine Millionenstrafe gegen Google. Gut so.

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Die EU‑Kommission hat Google mit einer Strafe von 890 Millionen Euro belegt. Hintergrund sind Verstöße gegen den Digital Markets Act (DMA) und den Digital Services Act (DSA). Die Kommission wirft Google vor, seine Marktmacht missbraucht zu haben, indem der Konzern:

  • eigene Dienste in der Google‑Suche bevorzugte (Self‑Preferencing), etwa bei Shopping‑ und Kartenangeboten,
  • App‑Entwickler im Google Play Store benachteiligte, indem alternative Vertriebskanäle schlechter gestellt oder behindert wurden,
  • Wettbewerbsregeln systematisch unterlief, was zu unfairen Bedingungen für Konkurrenten führte.

Die Strafe ist eine der höchsten, die die EU je gegen ein Tech‑Unternehmen verhängt hat. Google muss nun innerhalb von 60 Tagen Änderungen an Suche und Play Store umsetzen, um den Vorgaben des DMA und DSA zu entsprechen.

Die Entscheidung birgt zudem politische Brisanz, da sie laut mehreren Berichten zu Spannungen mit der US‑Regierung führen könnte.

 

Die EU verhängt eine Millionenstrafe gegen Google. Gut so. Aber wer glaubt, damit sei das Problem gelöst, versteht nicht, womit wir es wirklich zu tun haben.

Wolfgang Oels, Geschäftsführer von Ecosia*, ordnet die Entscheidung ein: 

 

Stellen Sie sich vor, Sie parken jeden Tag im Halteverbot. Nicht, weil Sie es nicht wissen. Nicht, weil Sie es sich nicht leisten könnten, woanders zu parken. Sondern weil das Knöllchen billiger ist als die Parkgebühr und bequemer als der nächstgelegene Parkplatz.

So verhält sich Google seit fast zehn Jahren gegenüber der Europäischen Union. Seit 2017 hat die Kommission Bußgelder von über elf Milliarden Euro verhängt – Bußgelder, gegen die das Unternehmen stets in Revision gegangen ist und teilweise erst nach Jahren bezahlt hat. Googles Marktanteil bei der Internetsuche in Europa? In der Zwischenzeit auf rund 90 Prozent weiter gestiegen. 890 Millionen Euro Strafen für ein Unternehmen mit 400 Milliarden Dollar Jahresumsatz sind kein Abschreckungsmittel. Sie sind kalkulierter Teil eines Geschäftsmodells.

 

Was Google wirklich besitzt

Stellen Sie sich das Internet als eine riesige, unaufgeräumte Bibliothek vor. Google hat zwanzig Jahre damit verbracht, jeden Winkel zu katalogisieren: Welche Seiten existieren? Was steht drauf? Wer verlinkt auf wen? Das ist der Suchindex – eine gigantische Karte des gesamten Internets.

Aber das ist nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte sind wir. Jedes Mal, wenn jemand etwas eingibt und auf ein Ergebnis klickt – oder eben nicht – lernt Google dazu. Milliarden Suchanfragen täglich, über zwanzig Jahre, in dutzenden Sprachen. Diesen Datenschatz besitzt kein anderes Unternehmen der Welt. Mehr Nutzer erzeugen mehr Daten, die bessere Ergebnisse liefern, die mehr Nutzer anziehen. Ein Kreislauf, aus dem man ohne externe Intervention nicht herauskommt. Schon gar nicht mit Knöllchen. Da müsste schon der Abschleppwagen kommen.

 

Der rechtliche Boden bricht weg

Diese Abhängigkeit von amerikanischer Suchinfrastruktur ist längst kein bloßes Wettbewerbsproblem mehr. Sie kann jeden von uns persönlich treffen. Der US CLOUD Act verpflichtet amerikanische Unternehmen, sämtliche – auch die intimsten – Daten europäischer Nutzenden an US-Behörden herauszugeben, unabhängig davon, was europäisches Recht sagt.

Im April 2026 hat Google Standortdaten europäischer Nutzer an die US-Einwanderungsbehörde ICE weitergegeben – kein Hack, kein Datenleck, sondern freiwillig geliefert. Amerikanische Unternehmen geben Daten teils sogar ohne konkrete Rechtsgrundlage weiter, aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber Washington.

Gleichzeitig hat der US Supreme Court erst vor ein paar Wochen entschieden, dass die Federal Trade Commission nicht mehr unabhängig von der Regierung sein darf. Da das EU-US-Datenabkommen auf der Unabhängigkeit der FTC beruht, ist seine rechtliche Grundlage nach Einschätzung der Datenschutzorganisation NOYB faktisch weggefallen.

Das stellt Unternehmen und ihre Rechtsabteilungen vor eine Frage, die bislang kaum jemand laut stellt: Kommen sie ihrer Sorgfaltspflicht noch nach, wenn sie Mitarbeitenden amerikanische Software als voreingestelltes Standard-Arbeitswerkzeug geben – insbesondere Browser, Suche und Office? Das sind keine rhetorischen Fragen. Es sind Haftungsfragen.

 

Was jetzt zählt

Letzte Woche hat die Kommission Google verpflichtet, seine Suchdaten ab Januar 2027 mit europäischen Wettbewerbern zu teilen. Das ist der eigentliche Wendepunkt, denn erst damit können europäische Suchmaschinen beginnen, eine eigene Karte der Bibliothek zu zeichnen, unabhängig von amerikanischen Infrastrukturen und amerikanischem Recht.

Das Knöllchen von heute ist ein nötiges und auch mutiges Signal. Unser Falschparker steht allerdings immer noch im Halteverbot. Damit er seinen Platz da räumt, muss wohl der Abschleppwagen kommen.

 

*Über Wolfgang Oels und Ecosia 
Wolfgang Oels ist Geschäftsführer von Ecosia, Europas bekanntester alternativer Suchmaschine mit Millionen von Nutzern. Er ist außerdem Initiator der European Search Perspective, die allen EU-Mitgliedstaaten einschließlich Deutschland angeboten hat, einen eigenen Suchindex aufzubauen. www.ecosia.org

 

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