US-Industrieunternehmen investieren 2,9 Prozent ihres Umsatzes in künstliche Intelligenz, deutsche Unternehmen nur 0,6 Prozent.
Mangelnde Data Foundation und fehlende Kompetenzen bremsen die KI-Skalierung hierzulande – Kosten sind (noch) nicht das Problem.
Bei den Investitionen in künstliche Intelligenz droht die deutsche Industrie gegenüber den USA deutlich zurückzufallen. US-amerikanische Industrieunternehmen investieren im Jahr 2026 durchschnittlich 2,9 Prozent ihres Umsatzes in AI. Bei deutschen Industrieunternehmen sind es lediglich 0,6 Prozent. Damit liegt die Investitionsquote in den USA fast fünfmal so hoch wie in Deutschland. Das zeigt eine Analyse der Managementberatung Horváth.
»Der fast fünffache Investitionsabstand ist ein deutliches Warnsignal für den Industriestandort Deutschland«, sagt Dr. Matthias Emler, Partner bei der Managementberatung Horváth. »Zwar erhöhen neun von zehn deutschen Unternehmen ihre Budgets für AI und Big Data spürbar. Die Ausgangsbasis bleibt jedoch niedrig, und das Investitionstempo reicht bislang nicht aus, um mit US-amerikanischen Wettbewerbern Schritt zu halten.«
Unzureichende Data Foundation und fehlende Skills bremsen deutsche Firmen aus – Kosten sind nicht das Problem
Der Budgetabstand zu den USA lässt sich nicht allein mit mangelnder Investitionsbereitschaft erklären. Deutsche Unternehmen stoßen bei der Umsetzung auf größere strukturelle Hürden. Als größte Herausforderung der AI-Transformation bewerten sie mit 3,19 von maximal 4 Punkten ihre Datenbasis, die Probleme bereitet. In den USA liegt der entsprechende Wert bei 3,04 Punkten. Auch fehlende Kompetenzen wiegen in Deutschland etwas schwerer: Deutsche Führungskräfte bewerten diese Herausforderung mit 3,14 Punkten, ihre US-amerikanischen Pendants mit 2,91 Punkten. Investitions- und Softwarekosten landen dagegen sowohl in Deutschland als auch in den USA eher unten auf Rang sechs der größten Herausforderungen. Entscheidend ist demnach nicht nur, wie viel Kapital Unternehmen zur Verfügung stellen, sondern ob sie AI-Anwendungen auf einer belastbaren Datenbasis entwickeln, in bestehende Prozesse integrieren und unternehmensweit skalieren können. »Dafür braucht es vor allem die Fähigkeit, AI organisatorisch zu verankern und die Akzeptanz bei Führungskräften und Mitarbeitenden zu sichern. Denn erst wenn AI wirklich Teil der täglichen Entscheidungen und Arbeitsabläufe wird, entsteht nachhaltiger Geschäftswert«, sagt Horváth-Experte Emler.
Industrie investiert zögerlicher als der Dienstleistungssektor
Im Vergleich der Wirtschaftssektoren zeigt sich ein deutlicher Abstand: Industrieunternehmen wollen ihre AI-Investitionen von durchschnittlich 0,4 Prozent ihres Umsatzes im Jahr 2025 auf 0,7 Prozent im Jahr 2027 steigern. Im Dienstleistungssektor soll die Quote im gleichen Zeitraum von 0,6 auf 2,9 Prozent wachsen. Damit investieren Dienstleistungsunternehmen deutlich dynamischer in AI als Industrieunternehmen.
Ein Grund dafür liegt in besser standardisierbaren, datengetriebenen Prozessen und der schnelleren Skalierbarkeit entsprechender Anwendungen. Für die deutsche Industrie ist der Rückstand besonders relevant: Sie muss AI in komplexe Produktionsumgebungen, bestehende IT- und Maschinenlandschaften sowie internationale Lieferketten integrieren. Die Umsetzung ist damit häufig aufwendiger und kapitalintensiver – zugleich sind die Potenziale von Industrial AI erheblich, etwa bei automatisierter Qualitätskontrolle, intelligenter Produktionsplanung, AI-gestützter Forschung und Entwicklung und vorausschauender Wartung sowie dem Einsatz autonomer und kollaborativer Robotik zur weiteren Automatisierung und Flexibilisierung von Produktionsprozessen.
Unternehmen erwarten zweistellige Produktivitätsgewinne
Die Investitionen sind generell mit hohen Erwartungen verknüpft. Über alle Branchen hinweg rechnen die Unternehmen innerhalb der kommenden drei Jahre mit zweistelligen Produktivitätssteigerungen durch AI. In IT und Digitalisierung erwarten sie durchschnittlich 14,7 Prozent, in Finance und Controlling 13,2 Prozent sowie in Vertrieb und Marketing 12,4 Prozent.
In Industrieunternehmen werden die größten Effekte in IT und Digitalisierung mit rund 14,0 Prozent sowie in Finance und Controlling mit rund 13,2 Prozent erwartet. In den operativen Prozessen prognostizieren die befragten Industrieunternehmen ein Plus von rund 12,1 Prozent. Dienstleistungsunternehmen erwarten in Vertrieb und Marketing einen Zuwachs von rund 15,4 Prozent, in IT und Digitalisierung rund 15,5 Prozent und in operativen Prozessen rund 8,8 Prozent.
Viele Anwendungen kommen nicht über die Implementierungsphase hinaus
Beim AI-Reifegrad haben die Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr Fortschritte erzielt. Am weitesten fortgeschritten ist der Einsatz in operativen und administrativen Prozessen. Deutlich geringer ist die Reife bei Managemententscheidungen, innovativen Produkt- und Serviceangeboten sowie durchgängigen End-to-End-Prozessen. Vollständig integrierte Anwendungen bleiben in nahezu allen untersuchten Bereichen die Ausnahme. Dies betrifft besonders die Industrie. Viele produzierende Unternehmen haben einen strukturierten Ansatz entwickelt oder einzelne Anwendungen implementiert. Eine unternehmensweite Skalierung findet jedoch weiterhin selten statt. Der geringe Anteil vollständig integrierter Lösungen steht damit in deutlichem Kontrast zu den erwarteten Produktivitätsgewinnen und dem Investitionstempo der US-amerikanischen Wettbewerber.
»Der Vergleich zwischen Deutschland und den USA zeigt eine doppelte Herausforderung: Deutsche Unternehmen investieren erheblich weniger, tun sich aber gleichzeitig schwerer mit Technologiezugang, Kompetenzen und organisatorischer Integration. Um den Rückstand aufzuholen, müssen sie ihre Budgets erhöhen, Investitionen stärker bündeln und AI konsequent vom wirtschaftlichen Ergebnis her steuern – aber eben auch unternehmerisch und mutig in die Umsetzung kommen. Wer auf den perfekten Zeitpunkt wartet, verliert den Anschluss«, so Horváth-Partner Dr. Matthias Emler.
[1] Über die Studie: Für die Untersuchung der KI-Investitionen wurden mehr als 1.000 Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder großer Unternehmen aus über 30 Ländern und über 15 Branchen befragt. Vier von fünf der teilnehmenden Unternehmen erzielen einen Jahresumsatz von über 100 Millionen Euro. Der größte Anteil der befragten Firmen stammt aus dem produzierenden Gewerbe. Die Datenerhebung wurde zum Ende des zweiten Quartals 2026 abgeschlossen.
https://www.horvath-partners.com/de/media-center/studien/7-jaehrliche-horvath-cxo-priorities-studie
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