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Strategische Fehlsteuerung statt echter Alternativenprüfung: Die Charité entscheidet sich nach dem Aus von SAP IS‑H für Epic Systems – trotz offener Fragen zu Finanzierung, Integrationsfähigkeit und regulatorischer Anpassung. Der Rückzug europäischer Anbieter wie Dedalus verstärkt den Eindruck einer auf Epic zugeschnittenen Ausschreibung.
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Vendor Lock‑in als systemisches Risiko: Epic setzt auf proprietäre Schnittstellen und hohe Anpassungskosten. Ein späterer Systemwechsel wäre extrem teuer und organisatorisch riskant. Die Charité akzeptiert damit bewusst eine langfristige Abhängigkeit in einem hochsensiblen Sektor.
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Regulatorische Hürden und technische Lücken: Epic ist in Deutschland bislang nicht im Einsatz und erfüllt zentrale Anforderungen – etwa DRG‑Abrechnung – nicht. Notwendige Zusatzmodule und Integrationsarbeiten treiben Kosten und Komplexität weiter nach oben.
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Big‑Bang‑Transformation mit hoher Fallhöhe: Der vollständige Systemwechsel für rund 20.000 Mitarbeitende birgt erhebliche Risiken für Akzeptanz, Prozessstabilität und Change‑Management. Moderne Klinik‑IT setzt eher auf schrittweise Migration und hybride Architekturen.
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Verpasste Chance für digitale Souveränität: Trotz politischer Debatten über europäische Unabhängigkeit setzt die Charité auf einen US‑Monolithen. Europäische Anbieter verfügen über etablierte Lösungen und tiefes regulatorisches Know‑how – die Entscheidung gegen sie war weder technisch noch strategisch alternativlos.
In ganz Europa wird aktuell aus guten Gründen über das Thema digitale Souveränität gesprochen. Der überwiegende Konsens dabei: Raus aus technologischen Abhängigkeiten, weg von Anbietern, bei denen die letztendliche Datenverarbeitung und -speicherung außerhalb der EU zumindest ein Geschmäckle hat. In ganz Europa? Nicht ganz. In ganz Deutschland? Leider auch nicht so ganz, wie ausgerechnet ein aktueller Fall aus dem hochsensiblen und regulierten Gesundheitswesen live und in Farbe beweist. Die Hintergrundstory ist schnell erzählt: Die Berliner Charité, eine der renommiertesten Einrichtungen im Gesundheitswesen des deutschsprachigen Raums, steht nach dem Aus der von SAP betriebenen Patientenmanagement-Lösung IS-H unter Handlungsdruck. Die Wahl fiel nach einer Ausschreibung auf den US-amerikanischen Anbieter Epic Systems.
Der ganze Prozess öffnet naturgemäß Tür und Tor für harsche (und berechtigte) Kritik, die den leitenden Personen der Charité auch bereits medial entgegenschlug. Von auf Epic Systems zugeschnittenen Anforderungen ist dort die Rede, von der unklaren Finanzierung des, vermutlich, 200-Millionen-Mammutprojekts, für das die Berliner Politik sogar eine Gesetzesnovelle geschaffen hat. Und natürlich von einem Rückschritt der Bemühungen für eine Stärkung der europäischen Souveränität im technologischen Bereich. Auch der europäische Mitbewerber, Dedalus Healthcare, zog sich aufgrund angeblicher Ungereimtheiten zurück. Dabei ist die Wahl des monolithischen Krankenhausinfomationssystems (KIS) von Epic auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar, denn der Druck ist real: SAP IS-H läuft aus, die IT-Landschaft ist über Jahre gewachsen, die Anforderungen steigen. Auf Seiten der Charité war man sich offenbar einig, dass damit der Punkt gekommen war, das eigene System grundsätzlich neu aufzustellen. Dass sich eine riesige Einrichtung wie die Charité dann für ein System entscheidet, das gute Integration und Standardisierung verspricht, muss nicht unbedingt überraschen, aber genau hier sollte die eigentliche Diskussion ansetzen.
Abhängigkeit mit Ansage
Die Entscheidung für Epic ist kein gewöhnliches IT-Projekt. Sie bedeutet, sich in zentralen Bereichen technisch, organisatorisch und wirtschaftlich auf einen einzigen Anbieter festzulegen. Und das Thema Vendor Lock-in ist dabei keine theoretische Debatte, auch wenn die Charité die Gründe dafür eher in einer schlechten Architektur als bei den Herstellern sieht. Epic arbeitet nun mal mit proprietären Schnittstellen; Anpassungen erfordern Spezialisten und ein späterer Wechsel wäre so aufwendig wie teuer. Wer sich einmal in diese Architektur begibt, verlässt sie nicht ohne Weiteres wieder. Das Zusammenführen von Daten aus verschiedenen Systemen, die in der Praxis die IT-Architektur der meisten deutschen Krankenhausbetriebe ausmachen, ist aus technologischer Sicht mit einem spezialisierten Anbieter längst keine Herausforderung mehr.
Erschwerend kommt in Deutschland allerdings die regulatorische Realität hinzu, die in der öffentlichen Diskussion oft nur am Rande auftaucht. Abrechnung nach DRG, komplexe Dokumentationspflichten, spezifische Datenschutzanforderungen – keine Peanuts für die Anforderungen an ein KIS. Epic muss sich hier erst anpassen, in Deutschland kommt das System noch nirgendwo zum Einsatz. Ein Blick unter die Haube zeigt auch bereits erste Schwierigkeiten. So soll das Abrechnungsmodul für das DRG-System, das Epic nicht abbildet, in einer zusätzlichen Ausschreibung vergeben und an den Monolithen angezimmert werden. Es bedarf keiner großen Weitsicht, dass dieses Vorgehen die sowieso schon galaktischen Kosten nicht gerade senken wird. Außerdem wirft es die Frage auf, wie »integriert« ein System eigentlich ist, das zentrale Funktionen erst nachträglich ergänzen muss und die Anforderungen des Einsatzortes nicht erfüllt?
Warum in die Ferne schweifen?
Auch beim Thema Datenhoheit bleiben Fragen offen. Epic hat zugesichert, Daten in Deutschland oder zumindest in der EU zu speichern. Statt digitaler Souveränität und der Stärkung heimischer Anbieter verlässt sich ein zentraler Player aus dem Gesundheitswesen also ausgerechnet bei dem hochsensiblen Thema Daten auf die Aussagen des Herstellers. Europäische Anbieter haben naturgemäß mehr Erfahrung mit den hiesigen regulatorischen und datenschutzrechtlichen Anforderungen und unterliegen zu 100 Prozent der europäischen Rechtsprechung. Apropos: Einen Plan B hat die Charité für ihre Mega-Transformation nach eigenen Aussagen nicht. Diese selbstgewählte Alternativlosigkeit ist riskant und schlägt die Türen für vielversprechendere Lösungswege kategorisch zu. Die Wahl heimischer Anbieter und vorhandener Lösungen hätte der Charité explodierende Kosten, unnötige Risiken und kritische Abhängigkeiten ersparen können – an der vorhandenen Technologie und Expertise scheitert es hier zu Lande wahrlich nicht.
Das Argument, man wolle sich von einem Best-of-Breed-Ansatz verabschieden und mit einer Big-Bang-Transformation einen proprietären Monolithen ins Haus stellen, erinnert hingegen mehr an weit zurückliegende Tage der Softwareentwicklung. Natürlich unterliegen Krankenhäuser und das gesamte Gesundheitswesen wortwörtlich eigenen Gesetzen und Anforderungen, aber derart große Systemwechsel gelten heute generell in allen Branchen als riskant – nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch. Deshalb setzen viele Unternehmen inzwischen auf schrittweise Migration. Im Klinikbetrieb ist das nicht immer einfach, aber die grundsätzliche Erfahrung bleibt: Je größer der Schritt, desto größer die Fallhöhe.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch die Gegenüberstellung von »integrierter Plattform« und »Best-of-Breed« verkürzt. Die Realität ist hybrider. Spezialisierte Systeme für Radiologie, Labor oder Abrechnung sind seit Jahren im Einsatz – auch bereits mit KI-Unterstützung. Über spezialisierte Data Layer lassen sie sich heute sinnvoll und effizient verbinden. Das ist weniger spektakulär als eine große Plattformlösung, aber es ist ein Ansatz, der sich in der Praxis bewährt hat. Insbesondere deswegen, weil er Veränderungen schrittweise erlaubt und ein zu bewältigendes Change Management ermöglicht. Mit dem Big Bang müssen in der Charité auch die rund 20.000 Mitarbeitenden mit dem neuen System arbeiten, viele davon sind seit Jahren an bestehende Prozesse gewöhnt. Ein Systemwechsel bedeutet nicht nur die Einführung neuer Software, sondern auch eine veränderte Arbeitslogik. Entsprechend liegt das Projektrisiko nicht nur in der Technologie, sondern maßgeblich auch in Akzeptanz und der Bedienbarkeit. In Berlin möchte man diesem Problem mit verpflichtenden Schulungen und Peer-Teaching vorbeugen. Die Belegschaft wird sich sicherlich freuen.
Auch wenn die Kritik an der Entscheidung für Epic groß ist, zeigt die Diskussion darüber einmal mehr, unter welchem Druck große Kliniken aktuell stehen: Neue Systeme müssen leistungsfähiger sein, schnell funktionieren, Effizienz steigern und Kosten senken. Gleichzeitig die digitale Souveränität zu wahren, Datenschutz zu gewährleisten und fachlichen Mehrwert zu liefern, ist sicherlich eine Herausforderung. Gerade deshalb wäre es wichtig gewesen, Optionen nicht vorschnell auszuschließen. Europäische Anbieter bringen in vielen Bereichen genau die Expertise mit, die im deutschen Gesundheitswesen entscheidend ist – von regulatorischen Anforderungen bis zu etablierten Fachlösungen. Denn eines war die Entscheidung in Berlin sicherlich nicht: alternativlos.
Manfred Merkelbach ist Geschäftsführer von KIMdata
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