Digitale Infrastrukturen werden zum Rückgrat von Wirtschaft, KI und vernetzten Geschäftsmodellen. Doch mit dem Wachstum von Rechenzentren steigen auch die systemischen Risiken: Cyberangriffe, Energieengpässe, Klimafolgen und Lieferkettenstörungen wirken immer häufiger zusammen. Die Studie von Economist Enterprise und FM zeigt, dass Unternehmen zwar in Resilienz investieren, aber komplexe Krisenszenarien noch zu selten ganzheitlich testen [1].
Management Summary
- Resilienz wird zum Pflichtprogramm: Der Ausbau digitaler Infrastrukturen macht Schutz, Verfügbarkeit und Krisenfestigkeit zu zentralen Managementaufgaben.
- Budgets sind vorhanden, Prioritäten aber umkämpft: 75 Prozent der Unternehmen verfügen über eigene Resilienzmittel, 69 Prozent sehen kurzfristige Finanz- und Wachstumsziele dennoch als Bremse.
- Risiken wirken zunehmend vernetzt: Cybervorfälle, Energieversorgung, Klimaereignisse und Lieferkettenstörungen können Kaskadeneffekte über ganze Ökosysteme auslösen.
- Szenariotests bleiben unzureichend: Nur rund 30 Prozent der Organisationen prüfen, wie mehrere Risiken gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.
- Für Entscheider zählt der Systemblick: Nachhaltige Resilienz entsteht erst, wenn Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette digitaler Infrastruktur bewertet und gesteuert werden.
Eine weltweite Studie unter 1.800 Entscheidungsträgern zeigt: Der Ausbau von Rechenzentren und digitaler Infrastruktur erhöht den Handlungsdruck beim Risikomanagement [1]. Kaskadierende Risiken aus Cyberangriffen, Energieversorgung, Klima und Lieferketten bedrohen Verfügbarkeit, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.
Resilienz wird zum Wachstumsfaktor
Angesichts des rasanten Ausbaus von Rechenzentren und digitalen Infrastrukturen investieren Unternehmen verstärkt in Resilienz, um diese kritische Branche zu schützen. Dies geht aus einer neuen Studie von Economist Enterprise hervor, die von FM unterstützt wurde. Die weltweite Befragung von 1.800 Führungskräften zeigt jedoch eine deutliche Lücke bei der Vorbereitung auf Krisen: Trotz der zunehmenden Vernetzung von Risiken in Bereichen wie Cybersicherheit, Energieversorgung, Klima und Lieferketten testen nur rund 30 Prozent der Unternehmen Szenarien, in denen mehrere miteinander verknüpfte Risiken gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.
Zugleich stehen die Akteure im gesamten Ökosystem digitaler Infrastrukturen unter erheblichem Zeitdruck – von der Entwicklung und dem Betrieb über die Nutzung und Finanzierung bis hin zu unterstützenden Partnern. Unternehmen können ihre langfristige Resilienz stärken, während sie wachsen, Kosten steuern und neue Technologien einführen. So lässt sich sicherstellen, dass Resilienz- und Schutzmaßnahmen während des gesamten Projektlebenszyklus berücksichtigt werden.
Budget vorhanden, strategischer Zielkonflikt bleibt
Die globale Studie, die 21 Märkte umfasst, zeigt ein anhaltendes Spannungsfeld zwischen Resilienz und kurzfristigen Unternehmenszielen. Zwar geben 75 Prozent der Befragten an, über ein eigenes Budget für Resilienzmaßnahmen zu verfügen, doch fast sieben von zehn (69 Prozent) sehen kurzfristige Finanz- und Wachstumsziele als Hindernis für den weiteren Ausbau ihrer Resilienz.
Für viele Mieter von Rechenzentren müssen Wachstumsziele, Effizienzanforderungen und KI-Initiativen gegen langfristige Resilienzziele abgewogen werden. Dies verdeutlicht die Herausforderung, aktuelle Geschäftsanforderungen mit einer vorausschauenden Risikovorsorge in Einklang zu bringen.
Kaskadierende Risiken verändern die Gefahrenlage
Die Studie zeigt, dass die gravierendsten Störungen immer häufiger durch das Zusammenwirken verschiedener Risiken entstehen. Die daraus resultierenden betrieblichen, finanziellen und geschäftlichen Folgen lassen sich nur schwer vorhersehen, wenn Risiken isoliert betrachtet werden.
»Der Ausbau digitaler Infrastrukturen entwickelt sich außergewöhnlich schnell – von der Standortwahl und der Sicherung der Energieversorgung über den Bau bis hin zur Inbetriebnahme neuer Kapazitäten«, so Christopher Dempsey, Senior Vice President, FM Intellium. »Mit zunehmendem Wachstum besteht die Herausforderung nicht nur darin, einzelne Risiken zu managen, sondern auch zu verstehen, wie Cybervorfälle, Energieengpässe, Klimarisiken und Lieferkettenstörungen in zunehmend vernetzten Systemen zusammenwirken können. Resilienz muss mit dem Wachstum Schritt halten und bereits frühzeitig in wichtige Entscheidungen einbezogen werden.«
Störungen treffen eine vernetzte Schlüsselbranche
Die Studie erscheint zu einer Zeit, in der digitale Infrastrukturen für wirtschaftliche Aktivitäten immer wichtiger werden und zugleich immer stärker mit Energiesystemen, Lieferketten und anderen physischen Infrastrukturen vernetzt sind. Mehr als neun von zehn Befragten (91 Prozent) gaben an, in den vergangenen fünf Jahren von einer erheblichen Störung betroffen gewesen zu sein.
Cyberangriffe und Energieengpässe als Kernrisiken
Cyberrisiken zählen weiterhin zu den am häufigsten genannten Bedrohungen: 88 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Cyberangriffe systemische Auswirkungen auf digitale Infrastrukturen haben können, und
87 Prozent sehen in Cyberangriffen eine wahrscheinliche Ursache für Störungen. Als Reaktion darauf haben 91 Prozent der Unternehmen Maßnahmen zur Cybersicherheit eingeführt.
Auch die Verfügbarkeit von Energie entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Herausforderung. Mehr als drei Viertel der Befragten (77 Prozent) nennen Kapazitätsengpässe in den Stromnetzen sowohl als wahrscheinliche Ursache von Störungen als auch als potenzielle systemische Herausforderung. Gleichzeitig setzen 87 Prozent Strategien zur Steuerung ihres Energiebedarfs ein.
Szenariotests greifen noch zu kurz
Trotz der Vielzahl von Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind, deutet die Studie darauf hin, dass die Vorbereitung auf mehrere gleichzeitig auftretende Störungen noch vergleichsweise wenig entwickelt ist. Viele Unternehmen testen daher einzelne Bedrohungen isoliert voneinander, obwohl digitale Infrastrukturen zunehmend kaskadierenden Risiken aus den Bereichen Cybersicherheit, Energieversorgung, Klima, Lieferketten und Betrieb ausgesetzt sind.
»Unsere Studie zeigt, wie bereits eine einzelne Einschränkung, beispielsweise begrenzte Netzkapazitäten oder Wasserknappheit, kumulative Folgewirkungen im gesamten Ökosystem digitaler Infrastrukturen auslösen kann«, so Jonathan Birdwell, Global Head of Thought Leadership bei Economist Enterprise.
»Die Herausforderung besteht darin, dass sich alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette in erster Linie auf den Schutz ihres eigenen Standorts oder ihrer eigenen Infrastruktur konzentrieren. Nachhaltige Resilienz entsteht jedoch erst durch das Verständnis der Wechselwirkungen von Risiken über das gesamte System hinweg. Zudem gilt es, die Geschwindigkeit des Wachstums mit langfristigen Begrenzungsfaktoren wie Energie, Flächenverfügbarkeit und Technologie in Einklang zu bringen. Die Lücke zwischen dem Ort, an dem Risiken entstehen – auf Systemebene –, und dem Ort, an dem sie gesteuert werden, zu schließen, wird in den kommenden zehn Jahren eine der entscheidenden Herausforderungen für die Branche sein«, ergänzt Birdwell.
Über die Studie
[1] Built for what’s next ist ein Forschungsprogramm von Economist Enterprise, das vom globalen Industriesachversicherer FM unterstützt wird. Untersucht wird, wie Risiken in den Bereichen Energie, Personal und Technologie zusammenwirken und digitale Infrastrukturen beeinträchtigen können sowie wie sich Unternehmen auf solche Belastungen vorbereiten können.
Die Analyse basiert auf Interviews mit internationalen Branchenexperten, einer Expertenrunde sowie einer Befragung von 1.800 Führungskräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Rechenzentren in 21 Ländern: Australien, Belgien, Kanada, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Hongkong, Indien, Italien, Malaysia, die Niederlande, Saudi-Arabien, Singapur, Südkorea, Spanien, Schweden, die Schweiz, Thailand, die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vereinigte Königreich und die USA. Die Befragung wurde zwischen Februar und April 2026 durchgeführt.
Das Programm ist Teil der Initiative Resilient Futures von Economist Enterprise, die politische Entscheidungsträger und Führungskräfte mit fundierten Erkenntnissen und klaren Entscheidungsgrundlagen dabei unterstützen soll, sich von einer fortlaufenden Krisenbewältigung zu lösen und stattdessen systemische Veränderungen voranzutreiben.
[1] Zur Studie: https://insights.economistenterprise.com/technology-innovation/built-for-what’s-next/designing-resilience-into-digital-infrastructure
FAQ
- Warum ist Resilienz digitaler Infrastrukturen aktuell so wichtig?
Digitale Infrastrukturen sind inzwischen die technische Basis für Cloud-Services, KI-Anwendungen, vernetzte Produktion, Finanztransaktionen und digitale Verwaltung. Fällt ein Rechenzentrum oder ein kritischer Netzknoten aus, betrifft das deshalb nicht nur einzelne IT-Systeme, sondern ganze Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig steigt die Komplexität: Laut Uptime Institute wächst die Nachfrage nach digitalen Services nicht nur mengenmäßig, sondern auch durch rechenintensive Workloads wie KI, was Stromversorgung, Kühlung, Betrieb und Personal stärker belastet. Resilienz bedeutet daher nicht nur Ausfallschutz, sondern die Fähigkeit, unter Druck handlungsfähig zu bleiben und Störungen schnell kontrolliert zu beherrschen. - Was untersucht die Studie?
Die Studie betrachtet Resilienz nicht als isolierte technische Disziplin, sondern als Managementfrage entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Rechenzentren. Untersucht wird, wie Betreiber, Nutzer, Investoren und Partner mit Risiken rund um Energie, Betrieb, Technologie, Klima, Personal und Lieferketten umgehen. Besonders relevant ist der systemische Blick: Entscheidend ist nicht nur, ob ein einzelner Standort abgesichert ist, sondern wie stark Abhängigkeiten zwischen Stromnetz, Kühlung, Hardwareverfügbarkeit, Cybersecurity, Bauprojekten, regulatorischen Anforderungen und Kundenanforderungen miteinander verflochten sind. - Welche Risiken stehen besonders im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen Cyberangriffe, Energieengpässe, Klimarisiken, Lieferkettenprobleme und operative Störungen. Diese Risiken sind besonders kritisch, weil sie sich gegenseitig verstärken können: Ein Cyberangriff kann Betriebsprozesse beeinträchtigen, ein Stromengpass Kapazitätsausbau verzögern, extreme Wetterereignisse können Standorte oder Versorgungswege treffen, und Lieferkettenprobleme können Ersatzteile oder neue Infrastrukturkomponenten verzögern. Auch ENISA beschreibt die europäische Bedrohungslage als zunehmend komplex und verweist auf Risiken durch schnelle Schwachstellenausnutzung, professionalisierte Angreiferökosysteme und Angriffe auf Lieferketten. - Was bedeutet kaskadierendes Risiko?
Ein kaskadierendes Risiko entsteht, wenn ein Ereignis weitere Störungen auslöst und sich die Folgen über mehrere Ebenen fortpflanzen. Beispiel: Ein lokaler Netzengpass verzögert den Anschluss eines Rechenzentrums, dadurch verschiebt sich die Inbetriebnahme neuer KI-Kapazitäten, Kundenprojekte geraten unter Druck, Kosten steigen und Ausweichkapazitäten müssen kurzfristig beschafft werden. Ähnlich kann ein Cybervorfall bei einem Dienstleister Auswirkungen auf mehrere Kunden haben. Für das Management heißt das: Risikoanalysen müssen Abhängigkeiten, Zweit- und Drittauswirkungen sowie externe Partner stärker berücksichtigen. - Sind Unternehmen bereits ausreichend vorbereitet?
Viele Unternehmen haben das Thema erkannt und investieren bereits in Resilienz, doch die Vorbereitung bleibt häufig zu fragmentiert. Die Studie zeigt, dass zwar Budgets vorhanden sind, aber nur ein kleinerer Teil der Organisationen Szenarien testet, in denen mehrere Risiken gleichzeitig auftreten. Auch das Uptime Institute weist darauf hin, dass steigende Komplexität, höhere Leistungsdichten, Nachhaltigkeitsanforderungen und Personalmangel die operative Steuerung erschweren. Aus Managementsicht reicht es daher nicht, einzelne Schutzmaßnahmen aufzubauen; notwendig sind regelmäßige Stresstests, klare Verantwortlichkeiten, belastbare Notfallprozesse und ein gemeinsames Lagebild über Technik, Betrieb und Geschäft. - Welche Rolle spielt das Management?
Das Management muss Resilienz als strategische Investition behandeln und nicht nur als Kostenstelle für Sicherheit oder Compliance. Entscheidungen über Standorte, Energieverträge, Kühlung, Redundanz, Cloud-Architektur, Lieferanten und Versicherbarkeit wirken langfristig auf Verfügbarkeit und Wachstum. Führungskräfte sollten deshalb Resilienzkennzahlen in Investitionsentscheidungen integrieren, Zuständigkeiten zwischen IT, Facility Management, Security, Einkauf und Finanzen klären und Zielkonflikte offen adressieren. Besonders wichtig ist, kurzfristige Wachstumsziele nicht gegen langfristige Stabilität auszuspielen, sondern beides gemeinsam zu steuern. - Warum reichen isolierte Risikoanalysen nicht mehr aus?
Isolierte Risikoanalysen blenden oft aus, wie stark digitale Infrastruktur mit anderen Systemen gekoppelt ist. Ein Rechenzentrum hängt nicht nur von Servern und Netzwerken ab, sondern auch von Stromnetzen, Wasser- oder Kühlsystemen, physischen Zugängen, Zulieferern, Wartungsdienstleistern, Telekommunikationsnetzen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Wenn diese Abhängigkeiten getrennt bewertet werden, unterschätzen Unternehmen die Wahrscheinlichkeit komplexer Störungsketten. Ein integrierter Ansatz verbindet technische Risikoanalyse, Business-Continuity-Management, Lieferantenbewertung und Energieplanung. - Welche Bedeutung hat Energieversorgung für Rechenzentren?
Energieversorgung wird zu einem entscheidenden Standort- und Wachstumsfaktor. Die Internationale Energieagentur beschreibt Rechenzentren als zunehmend relevante Akteure im Stromsystem und verweist darauf, dass KI-Workloads den Strombedarf deutlich erhöhen. Neben der reinen Verfügbarkeit von Energie zählen Netzanschlusszeiten, Redundanz, Stromqualität, Kühlleistung, Lastmanagement und der Zugang zu erneuerbaren Energien. Für Betreiber bedeutet das: Energie darf nicht erst in der Betriebsphase betrachtet werden, sondern muss bereits bei Standortwahl, Kapazitätsplanung und Vertragsgestaltung Teil der Resilienzstrategie sein. - Welche Konsequenz ergibt sich für Betreiber und Nutzer?
Betreiber und Nutzer müssen Resilienz gemeinsam denken. Betreiber brauchen robuste Architektur, belastbare Energie- und Kühlkonzepte, transparente Lieferantensteuerung und klare Notfallprozesse. Nutzer wiederum sollten ihre eigenen Cloud-, Colocation- und Multi-Cloud-Strategien darauf prüfen, welche Abhängigkeiten entstehen und welche Wiederanlaufzeiten tatsächlich geschäftskritisch sind. Sinnvoll sind gemeinsame Szenarioübungen, vertraglich geregelte Informationspflichten, abgestimmte Eskalationswege und ein regelmäßiger Abgleich zwischen technischer Verfügbarkeit und geschäftlicher Kritikalität. - Was ist die wichtigste Botschaft für Entscheider?
Resilienz ist ein strategischer Erfolgsfaktor für digitale Geschäftsmodelle. Wer Rechenzentren nur unter Kosten-, Kapazitäts- oder Effizienzgesichtspunkten betrachtet, übersieht die wachsende Bedeutung von Verfügbarkeit, Energiezugang, Cybersecurity und Systemabhängigkeiten. Entscheider sollten deshalb Resilienz als Führungsaufgabe etablieren: mit klaren Zielen, messbaren Kennzahlen, regelmäßigen Tests, belastbarer Governance und einer Investitionslogik, die Wachstum und Stabilität miteinander verbindet. Nur so kann digitale Infrastruktur zur verlässlichen Basis für KI, Cloud und datengetriebene Wertschöpfung werden.
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