Backup überlebt – doch die Recovery scheitert

Illustration Absmeier foto ki designer

Backups allein schaffen noch keine Cyberresilienz. Entscheidend ist, ob sich Systeme nach Ransomware oder Totalausfall schnell, vollständig und unabhängig vom bisherigen Anbieter wiederherstellen lassen. Die französische Plattform Cybee setzt dafür auf Restic, offene Formate, S3-kompatiblen Objektspeicher und eine konsequent getrennte Daten- und Steuerungsebene – muss Leistungsfähigkeit und Skalierbarkeit aber noch breiter belegen.

Management Summary

  • Recovery statt Backup-Status: Entscheidend ist nicht, ob Sicherungsjobs erfolgreich durchlaufen, sondern ob sich Systeme und Daten nach Ransomware oder Totalausfall tatsächlich innerhalb der geforderten Zeit wiederherstellen lassen.
  • Offene Architektur gegen Lock-in: Die Plattform baut auf Restic auf, trennt Daten- und Steuerungsebene und setzt auf offene Backup-Formate sowie S3-kompatible Speicherziele, um langfristige Herstellerabhängigkeiten zu reduzieren.
  • Performance als Kernargument: Cybee nennt für geeignete Umgebungen Wiederherstellungsraten von bis zu 4 TB pro Stunde und Datenträger sowie deutlich kürzere Recovery-Zeiten in eigenen Praxisfällen – unabhängige Benchmarks stehen jedoch aus.
  • Technischer Reifegrad: Windows- und Linux-Agenten, Orchestrierung, CMDB und Image-Recovery sind vorhanden; Datenbanken und zusätzliche Hypervisoren stehen teilweise noch auf der Roadmap.
  • Management-Fazit: Der Ansatz adressiert mit schneller Recovery, unveränderbaren Backups, offenen Formaten und europäischer Cloud-Infrastruktur reale Resilienzprobleme. Marktbreite, Skalierbarkeit und Funktionsumfang müssen sich jedoch noch im größeren produktiven Einsatz beweisen.

 

Eine französische Backup-Plattform setzt auf Open Source, offene Formate, schnelle Wiederherstellung und europäische Cloud-Infrastruktur.

Produktionsdaten verschlüsselt, lokale Sicherungen zerstört, extern gespeicherte Backups angegriffen: Im Ernstfall zeigt sich, ob Datensicherung mehr ist als ein grünes Häkchen im Dashboard. Eine junge französische Plattform setzt deshalb nicht auf Backup als Selbstzweck, sondern auf schnelle, offene und überprüfbare Recovery.

»Wir haben nichts mehr. Alles ist zerstört.« Mit solchen Anrufen wurde Eric Deronzier in seiner Laufbahn bereits mehrfach konfrontiert. »Die Produktionssysteme waren verschlüsselt, lokale Backups vernichtet, selbst entfernte Sicherungen attackiert«, so der Cybee-Chef. »In diesem Moment spielt es keine Rolle mehr, wie zuverlässig die nächtlichen Backup-Jobs zuvor gelaufen sind. Es zählt nur noch, ob sich Anwendungen, Systeme und Daten in akzeptabler Zeit wiederherstellen lassen.« Genau aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er das neue Unternehmen: nicht als weitere klassische Backup-Lösung, sondern mit dem Anspruch, Datensicherung konsequent vom möglichen Totalausfall her zu denken.

Bereits 2014 hob Deronzier mit Nuabee ein Disaster-Recovery-as-a-Service-Angebot (DRaaS) aus der Taufe, das auf OpenStack aufbaut. Die Wahl einer offenen Cloud-Architektur war bewusst: Als ein genutzter Provider später sein Angebot einstellte, ließ sich die Umgebung problemlos auf einen anderen OpenStack-Anbieter verlagern. »Es ist wichtig, keinem einzelnen Provider vertrauen zu müssen und frei wählen zu können«, beschreibt er die daraus entstandene Grundhaltung.

Mit größeren Kunden wuchsen allerdings die Datenmengen – und die vorhandene Backup-Technik wurde selbst zum Engpass. Ende 2022 entstand deshalb Cybee. Technischer Ausgangspunkt ist Restic, eine Open-Source-Backup-Engine. Deronzier beschreibt sie als leistungsfähigen Motor, um den jedoch wesentliche Funktionen für den Unternehmenseinsatz fehlten. Das Team ergänzte deshalb Management, Agenten, Orchestrierung, Reporting und Wiederherstellungsfunktionen.

 

Backup-Daten ohne Umweg in den Objektspeicher

Die Architektur trennt Daten- und Steuerungsebene. Ein Agent auf Windows- oder Linux-Systemen dedupliziert und verschlüsselt Daten und schreibt sie direkt in einen S3-kompatiblen Objektspeicher. Die Managementplattform steuert Authentifizierung, Backup-Aufträge, Storage und Orchestrierung; die eigentlichen Sicherungsdaten sollen dabei nicht durch die zentrale Plattform fließen. Kritische Komponenten und Agenten sind in Rust entwickelt.

Dabei geht die Eigenentwicklung über den ursprünglichen Funktionsumfang von Restic hinaus. Da die Open-Source-Software primär dateibasierte Sicherungen beherrscht, entwickelte das Unternehmen unter anderem Technik für Windows-Image-Backups. Eine Configuration Management Database (CMDB) soll zusätzlich Informationen über Systeme, Datenträger und deren Aufbau erfassen. Der Ansatz folgt damit weniger der Frage »Welche Dateien wurden gesichert?« als »Welche Umgebung muss im Notfall rekonstruiert werden?«.

 

63 Millionen Dateien zeigen das Problem

Wie relevant dieser Perspektivwechsel werden kann, zeigt ein von der Firma dokumentierter Einsatzfall: Ein Windows-Fileserver mit acht Terabyte Daten und 63 Millionen Dateien benötigte mit der vorherigen Lösung mehr als 24 Stunden für ein inkrementelles Backup; eine Wiederherstellung sei praktisch nicht möglich gewesen. Mit der neuen Plattform dauere ein täglicher Snapshot etwa drei Stunden, die Recovery Time Objective (RTO) liege bei zehn Stunden. Bei einer Standard-VM mit 200 Gigabyte sank die angegebene Wiederherstellungszeit von zwei Stunden auf rund 30 Minuten. Die Zahlen stammen vom Anbieter und sind daher nicht mit unabhängigen Benchmarks gleichzusetzen.

Unter geeigneten Bedingungen nennt das Unternehmen Restore-Raten von bis zu vier Terabyte pro Stunde und Datenträger. Dafür seien allerdings entsprechend schnelle Cloud-SSDs erforderlich. Deronzier spricht von ungefähr dem Zehnfachen dessen, was sein Team mit anderen Lösungen beobachtet habe.

Der technische Hintergrund ist ein strukturelles Problem: »Datenbestände wachsen rasant durch Analyse, Internet of Things (IoT) und künstliche Intelligenz (KI), während die verfügbaren Backup-Fenster weitgehend konstant bleiben« so Deronzier zur Kernherausforderung.

 

Proprietäre Backups werden zur Abhängigkeit

Ein zweites Thema ist die langfristige Lesbarkeit der Sicherungen. Viele etablierte Systeme verwenden proprietäre Formate. Ein Wechsel des Backup-Herstellers kann dadurch bedeuten, dass jahrelang aufbewahrte Daten weiterhin die alte Software benötigen.

Die Plattform setzt deshalb auf das offene Restic-Format. Für Deronzier wird diese Reversibilität zur strategischen Forderung: »Ein offenes Backup-Format ist kein Nice-to-have mehr.« Gerade bei Aufbewahrungsfristen von fünf oder zehn Jahren könne ein proprietäres Format den Anbieterwechsel erheblich erschweren.

Damit verbindet sich das Thema europäische Cloud-Souveränität. Als mögliche Speicherziele nennt das Unternehmen europäische S3-Anbieter; Kunden sollen nicht an einen einzelnen Hyperscaler gebunden werden. Ein wichtiger Punkt, kontrollieren doch AWS, Microsoft und Google zusammen rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts.

 

Der Ernstfall beginnt nach dem erfolgreichen Backup

Der stärkste Treiber bleibt jedoch Ransomware. Allein im vergangenen Jahr haben Deronzier und sein Team eingangs beschriebene Situationen zweimal erlebt. Daraus folgt der Fokus auf verschlüsselte und unveränderbare Sicherungen. »Ohne unveränderbares Backup ist keine Cyberresilienz möglich«, so Deronziers Auffassung.

Auch NIS2 und Digital Operational Resilience Act (DORA) verschieben den Maßstab zunehmend in Richtung nachweisbarer Wiederherstellbarkeit. Nicht allein die Sicherung zählt, sondern die Frage, ob Systeme innerhalb der geforderten RTO tatsächlich zurückkehren können.

So überzeugend die technische Geschichte klingt, Cybee ist noch kein etablierter Backup-Konzern. Das Unternehmen wurde erst Ende 2022 gegründet, Version 1 ging 2026 breiter bei Kunden der Schwestergesellschaft Nuabee in Betrieb. Der Rollout bildet damit zugleich einen groß angelegten Praxistest. Nuabee betreut mehr als 150 Unternehmen und über 2.500 kritische virtuelle Maschinen.

Die Roadmap zeigt zudem, dass wichtige Funktionen noch entstehen. Unterstützung für PostgreSQL, Oracle, SQL Server und MongoDB, zusätzliche Hypervisoren wie XCP-ng und Proxmox sowie KI-Funktionen sind für die kommenden Entwicklungsstufen vorgesehen.

Genau darin liegt allerdings auch die spannendere Geschichte von Cybee. Das Unternehmen behauptet nicht, das Backup neu erfunden zu haben. Es setzt auf einen vorhandenen Open-Source-Kern und versucht, daraus eine europäische, cloudnative Recovery-Plattform zu bauen. Ob daraus ein ernsthafter Herausforderer der großen Backup-Anbieter wird, muss sich noch zeigen.

 

»Restic ist als technische Basis ein richtig starker Motor. Für eine solide Recovery-Lösung liefern wir dazu unter anderem eigene Agenten, Orchestrierung, Management, Reporting sowie Funktionen für Datei- und Image-Wiederherstellung«, so Eric Deronzier, neben Gabriel Saudin Gründer und CEO des französischen Startups Cybee.

Foto: Stefan Mutschler/KI-bearbeitet

 

 

FAQ: Cybee und Recovery-orientiertes Cloud-Backup

  1. Welches Problem will Cybee lösen?

Die Plattform soll verhindern, dass Unternehmen zwar über Backups verfügen, diese im Ernstfall aber zu langsam, nicht mehr lesbar oder selbst vom Angriff betroffen sind. Im Mittelpunkt steht deshalb die tatsächliche Wiederherstellung nach Ausfällen oder Ransomware. [1] [2]

  1. Was ist Cybee?

Cybee ist eine französische Cloud-Backup- und Recovery-Plattform. Technische Basis ist Restic; ergänzt werden unter anderem eigene Agenten, Orchestrierung, Management, Reporting sowie Funktionen für Datei- und Image-Wiederherstellung. [3]

  1. Warum setzt die Lösung auf Restic?

Restic liefert eine leistungsfähige Open-Source-Backup-Engine und ein offenes Format. [3] [4]

  1. Wie unterscheidet sich der Ansatz von klassischen Backup-Produkten?

Die Architektur ist konsequent auf Cloud-Speicher und Recovery ausgelegt. Daten werden auf dem Quellsystem dedupliziert und verschlüsselt und direkt in S3-kompatiblen Objektspeicher geschrieben. Die zentrale Plattform übernimmt vor allem Steuerung und Orchestrierung. [3] [5]

  1. Welche Rolle spielen offene Backup-Formate?

Sie sollen einen späteren Anbieterwechsel erleichtern. Gerade bei Sicherungen mit mehrjährigen Aufbewahrungsfristen kann ein proprietäres Format dazu führen, dass Unternehmen dauerhaft auf die bisherige Software angewiesen bleiben. [4]

  1. Welche Wiederherstellungsleistung nennt der Anbieter?

Unter geeigneten Bedingungen werden bis zu vier Terabyte pro Stunde und Datenträger genannt. In dokumentierten Einsatzfällen sollen sich Wiederherstellungszeiten ebenfalls deutlich verkürzt haben. Dabei handelt es sich um Herstellerangaben; unabhängige Vergleichsbenchmarks liegen noch nicht vor.

  1. Wie schützt die Plattform Backups vor Ransomware?

Vorgesehen sind Verschlüsselung, unveränderbare Sicherungen und eine Architektur, bei der die Backup-Daten nicht durch die zentrale Managementplattform laufen. Das Ziel ist, die letzte verfügbare Kopie auch dann zu erhalten, wenn Produktionssysteme und administrative Zugänge kompromittiert wurden. [1] [5]

  1. Warum ist eine CMDB Teil einer Backup-Lösung?

Die Configuration Management Database (CMDB) soll Informationen über Systeme, Datenträger und deren Aufbau erfassen. Damit soll eine Wiederherstellung nicht nur einzelne Dateien zurückbringen, sondern auch den technischen Kontext der ursprünglichen Umgebung besser rekonstruierbar machen. [6]

  1. Wie weit ist die Plattform entwickelt?

Windows- und Linux-Agenten, Orchestrierung, CMDB, Datei- und Windows-Image-Backup sind vorhanden. Weitere Datenbanken und zusätzliche Hypervisoren stehen teilweise noch auf der Roadmap. Der breitere produktive Rollout begann 2026.

  1. Welche Risiken sollten Entscheider im Blick behalten?

Relevant sind vor allem der noch junge Marktauftritt, der Ausbau des Funktionsumfangs, die Skalierbarkeit in größeren Umgebungen und unabhängige Leistungsnachweise. Technisch ist der Ansatz nachvollziehbar, seine Marktbreite und langfristige Reife müssen sich aber noch im größeren produktiven Einsatz beweisen. [2] [7]

Neutrale Quellen zu den FAQ
[1] CISA, Stop Ransomware: https://www.cisa.gov/stopransomware
[2] NIST, Ransomware Protection and Response: https://csrc.nist.gov/Projects/ransomware-protection-and-response
[3] Restic-Dokumentation: https://restic.readthedocs.io/
[4] Restic, Repository Format und Verschlüsselung: https://restic.readthedocs.io/en/latest/100_references.html
[5] AWS-Dokumentation, S3 Object Lock: https://docs.aws.amazon.com/AmazonS3/latest/userguide/object-lock.html
[6] IBM-Dokumentation, Configuration Management Database: https://www.ibm.com/docs/de/control-desk/7.6.1?topic=overview-configuration-management-database
[7] NIST, Protecting Data from Ransomware and Other Data Loss Events: https://www.nccoe.nist.gov/sites/default/files/legacy-files/msp-protecting-data-extended.pdf
Management Summary, FAQ und Bild wurden mit Hilfe von KI erstellt

 

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