Self-Driving Datacenter: Autopilot für die IT-Infrastruktur

Eine KI-basierte Automatisierung im Rechenzentrum ermöglicht die schnelle Reaktion auf Probleme oder neue Anforderungen und kann auch Planungsaufgaben deutlich beschleunigen. (Quelle: magnific)

Management Summary

  • KI hebt die Infrastruktur-Automatisierung auf die nächste Stufe: Statt starrer Skripte werden dynamische, kontextbezogene Entscheidungen und Reaktionen in Echtzeit möglich.
  • AIOps, MLOps und agentenbasierte KI schaffen die Basis für deutlich schnellere Bereitstellung, stabileren Betrieb und proaktive Fehlervermeidung im Rechenzentrum.
  • Das Zielbild eines Self-Driving Datacenter ist realistisch, erfordert jedoch ein Zusammenspiel spezialisierter Agenten, offener Plattformen und hochwertiger Daten.
  • Autonomie braucht klare Leitplanken: Governance, Security, Compliance und Human Oversight bleiben entscheidend, um Risiken bei Kosten, Datenschutz und Verfügbarkeit zu begrenzen.
  • Unternehmen sollten schon heute auf standardisierte, integrierbare Technologien setzen, um den Weg zu höherer Automatisierung strategisch und ohne spätere Integrationshürden vorzubereiten.

 

Angesichts komplexer werdender Infrastrukturen und steigender Anforderungen wird eine stärkere Automatisierung für IT-Teams zum Pflichtprogramm. Mit künstlicher Intelligenz und KI-Agenten eröffnen sich dabei ganz neue Möglichkeiten – selbst ein »Self-Driving Datacenter« ist mittlerweile durchaus möglich.

Grundsätzlich ist die Automatisierung von IT-Infrastruktur nichts Neues – schon seit Jahrzehnten automatisieren IT-Teams mit Skripten und Regeln. Das spart nicht nur Zeit, sondern hilft auch, den IT-Betrieb insgesamt stabiler und verlässlicher zu gestalten. Schließlich können manuelle Anpassungen leicht zu Konfigurationsabweichungen und Fehlern führen, gerade wenn sie viele Systeme betreffen und unter Zeitdruck erledigt werden müssen.

Inzwischen werden längst ganze Workflows codebasiert automatisiert, um vor allem virtualisierte und containerisierte Infrastrukturen schnell und konsistent bereitzustellen und zu verwalten. Manuell ist das aufgrund der hohen Komplexität und Geschwindigkeitsanforderungen kaum noch zu schaffen. Zudem ermöglicht dieser Infrastructure as Code (IaC) genannte Ansatz eine Modularisierung, die große Vorteile bietet. Kompaktere Skripte und Konfigurationsdateien lassen sich einfacher testen, aber auch besser miteinander kombinieren und somit gut wiederverwenden. Eine Versionskontrolle macht sämtliche Änderungen nachvollziehbar und erlaubt bei Bedarf die Rückkehr zu früheren Konfigurationen.

Dennoch sind die bisherigen Ansätze für die Automatisierung von IT-Infrastrukturen relativ starr und unflexibel – sie funktionieren nur bei standardisierten Abläufen. Müssen komplett neue Anforderungen umgesetzt werden, ist der zeitliche Aufwand für das Erstellen und Testen der Skripte und Konfigurationsdateien vergleichsweise hoch. Ebenso braucht es vorab definierte Trigger, um in bestimmten Situationen sofort eine automatische Reaktion auszulösen. Nicht immer sind diese Trigger jedoch offensichtlich – häufig sind erst komplexe Analysen notwendig, um die Ursache beispielsweise von Systemstörungen zu ermitteln und die richtigen Schritte einleiten zu können.

 

Intelligent statt regelbasiert

Mit künstlicher Intelligenz steht allerdings ein Werkzeug bereit, das ideal geeignet ist, komplexe Infrastrukturen und darin auftauchende Probleme in Echtzeit zu analysieren und geeignete Maßnahmen vorzuschlagen oder sogar selbstständig anzustoßen. Die Technologie dürfte den IT-Betrieb in den nächsten Jahren geradezu revolutionieren.

Als AIOps (Artificial Intelligence for IT Operations) wird KI bereits von mehr und mehr Unternehmen für eine Optimierung des IT-Betriebs eingesetzt. Dabei werden große Mengen von Status- und Ereignisdaten innerhalb der Infrastruktur gesammelt und ausgewertet, um Zusammenhänge und Anomalien sichtbar zu machen und Ereignisse in einen Kontext zu setzen, sodass eine qualitative Bewertung möglich wird. IT-Teams erhalten dadurch tiefere Einblicke in die IT-Umgebung, Unterstützung bei der Suche nach den Ursachen von Problemen und neue Ansatzpunkte für Automatisierungen. Viele kleinere Störungen lassen sich auf diese Weise proaktiv beheben, bevor sie weiter reichende Auswirkungen haben.

Auf Modell- und Anwendungsebene hilft MLOps (Machine Learning Operations) – ein Set von Methoden, Prozessen und Tools – dabei, Machine-Learning-Modelle zuverlässig zu erstellen, auszurollen, zu überwachen und zu pflegen. Ähnlich wie bei DevOps wird der größte Teil des Prozesses automatisiert, nur eben mit dem Fokus auf ML-Systemen statt auf reinem Anwendungscode.

Die meisten Anbieter von Infrastrukturlösungen statten ihre Systeme und Plattformen schon mit AIOps-Funktionen aus, und einige erweitern ihren Technologie-Stack auch schon um MLOps-Features. Wirklich intelligent wird die Automatisierung aber erst mit agentenbasierter KI. Denn nur ein Netz aus spezialisierten KI-Agenten, die sich untereinander abstimmen, dynamisch auf neue Anforderungen und Gegebenheiten reagieren und eigenständig Lösungswege finden, ist in der Lage, vielfältige und komplexe Aufgaben zu bewältigen – von der Planung und Bereitstellung von Infrastrukturressourcen bis hin zur Fehlerbehebung und Optimierung. Angesichts der schnellen Fortschritte in der KI-Entwicklung ist selbst ein »Self-Driving Datacenter«, das viele Aufgaben autonom erledigen kann, bereits möglich und durchaus realistisch.

 

Kompetenz dank Spezialisierung

In einem solchen Self-Driving Datacenter würden dutzende oder sogar hunderte KI-Agenten zusammenarbeiten, die auf ganz unterschiedliche Technologien setzen, darunter klassisches Machine Learning für die Erkennung von Mustern und Anomalien. Vorhandene Telemetriedaten aus AIOps-Projekten können dabei als Ausgangspunkt dienen und mit weiteren Informationen angereichert werden, etwa von den Lüftern und Pumpen der Kühlinfrastruktur. Computer Vision kann dann helfen, auch physische Komponenten wie Kabel, Schalter oder Status-LEDs zu überprüfen und weiteres Datenmaterial zu liefern.

Hinzu kommen natürliche Sprachverarbeitung sowie kleine und große Sprachmodelle für die Analyse und Generierung von Inhalten. So können Agenten unter anderem Handbücher und Dokumentationen durchforsten, Aufgaben beziehungsweise Probleme strukturieren und klassifizieren, Skripte und Konfigurationen erstellen. Das IT-Team wiederum kann seine Fragen und Anweisungen frei formulieren, was insbesondere die Verwaltung von komplexen Infrastrukturen und Legacy-Systemen deutlich erleichtert.

Die verschiedenen KI-Technologien, aber auch klassische regelbasierte Mechanismen erlauben es, die einzelnen Agenten exakt auf ihre jeweilige Aufgabe zuzuschneiden. Ein Conversational Agent würde ähnlich einem Chatbot als Frontend dienen und mit dem IT-Team kommunizieren, um dessen Anliegen zu ermitteln. Anschließend kommen weitere Agenten zum Zuge – denkbar sind beispielsweise Agenten, die sich mit der Konfiguration bestimmter IT-Systeme auskennen, Recherche-Agenten, die Informationen aus Managementtools, Datenbanken und Fileshares zusammentragen und eventuell auch das Internet nach Best Practices oder Problemlösungen durchforsten, sowie Planungsagenten, die zu den Anforderungen passende Ressourcen und Konfigurationen vorschlagen.

 

Agenten für Koordinierung und Sicherheit

Die einzelnen Agenten werden von Orchestrierungsagenten beauftragt und koordiniert, die eng mit Prüfagenten zusammenarbeiten, die alle Ergebnisse und Entscheidungen validieren. Darüber hinaus sind Compliance- und Security-Agenten notwendig, die darüber wachen, dass interne Richtlinien und Sicherheitsvorgaben eingehalten werden, ebenso wie Dokumentationsagenten, die alles protokollieren, sodass es später kontrolliert und nachvollzogen werden kann.

Dieses Netz aus Agenten könnte nicht nur klassische Infrastrukturaufgaben wie die Bereitstellung von Ressourcen für ein neues Projekt oder zum Abfangen von Lastspitzen übernehmen. Auch die Verwaltung von Daten und die Steuerung von Anwendungen wäre möglich – etwa das automatische Verlagern von Workloads, um Hardware besser auszunutzen und den Energieverbrauch des Rechenzentrums zu optimieren, oder das Verschieben von Daten auf einen schnelleren Speicher für eine Beschleunigung von geschäftskritischen KI-Auswertungen.

Damit die eingesetzten KI-Modelle kontinuierlich mitlernen und sich durch möglicherweise unausgewogene Daten nicht verschlechtern (Model Drift), werden die bereits erwähnten MLOps-Ansätze benötigt. Diese stellen sicher, dass die Modelle auf dem neuesten Stand sind und auf aktuellen sowie korrekten Daten basieren. Sie überwachen die Leistung, erkennen Probleme und leiten notfalls ein Rollback oder ein Re-Training ein.

 

Der Mensch als Kontrollinstanz

KI-Agenten haben das Potenzial, IT-Umgebungen selbständig auf vorgegebene Ziele hin zu optimieren, Fehler zu beheben und äußerst aufwendige Arbeiten wie die Planung und Einrichtung neuer Infrastrukturen, die bisweilen Wochen oder Monate verschlingen, auf Minuten oder Stunden zu verkürzen. Die große Herausforderung dabei ist, ihnen genau das richtige Maß an Autonomie einzuräumen, dass sie hilfreich sind, aber keine größeren Risiken entstehen. Das betrifft nicht nur Störungen und Ausfälle, die durch Fehlentscheidungen der KI verursacht werden, sondern auch Sicherheits- und Datenschutzverletzungen oder explodierende Kosten – etwa, weil Leistungsverbesserungen mit einem überraschend hohen Energieverbrauch einhergehen oder mehr Cloud-Ressourcen als erwartet zugebucht werden.

Letztlich müssen daher Leitplanken und Sicherheitsmechanismen eingezogen werden, damit die KI in möglichst vielen Bereichen auf Autopilot arbeiten kann – immer mit der Option eines menschlichen Eingriffs. Bei besonders kritischen Aufgaben sollte die KI hingegen nur Vorschläge und Empfehlungen unterbreiten und die finale Entscheidung dem Human-in-the-Loop oder Human-on-the-Loop überlassen, abhängig vom gewährtem Autonomiegrad. Allein die Vorschläge und Empfehlung können unglaublich viel Zeit sparen und haben daher ihren Wert – auch ohne, dass gleich alles autonom umgesetzt wird.

 

Ökosystem statt Komplettlösung

Wahrscheinlich wird kein einzelner Anbieter eine solche Plattform für den hochautomatisierten Betrieb von IT-Infrastrukturen liefern können. Es wird eher auf ein Ökosystem aus Lösungen hinauslaufen, die verschiedene Komponenten bereitstellen – von der Infrastruktur selbst über die AIOps- und MLOps-Ebene bis hin zu den Agenten. Mit der Auswahl von Systemen und Plattformen, die auf bewährte Standards setzen und offene Schnittstellen bieten, können Unternehmen bereits jetzt eine gute Grundlage für spätere Automatisierungsprojekte schaffen und umständliche Integrationen und Workarounds überflüssig machen, die sich später auf dem Weg zum Self-Driving Datacenter als hinderlich erweisen könnten.

Marc O’Regan, CTO für EMEA bei Dell Technologies (Quelle: Dell Technologies)

 

 

 

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