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Die DIW-Studie zeigt, dass nationale Fiskalpolitik im Euroraum unter gemeinsamer Geldpolitik anders wirkt als in Ländern mit eigener Zentralbank. Für Entscheiderinnen und Entscheider ist die zentrale Botschaft klar: Gut gezielte Staatsausgaben – insbesondere öffentliche Investitionen – entfalten kurzfristig deutlich stärkere Konjunkturimpulse als Steuersenkungen, müssen jedoch mit Blick auf Tragfähigkeit und langfristiges Wachstum sorgfältig austariert werden.
- Staatsausgaben wirken stärker: Ein zusätzlicher Euro für öffentliche Investitionen oder Staatskonsum erhöht das BIP im ersten Jahr um bis zu rund 1,30 Euro; Steuersenkungen erreichen nur deutlich geringere Effekte.
- Die gemeinsame Geldpolitik verstärkt nationale Ausgabenimpulse: Da die EZB auf fiskalische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten in der Regel nicht mit Zinserhöhungen reagiert, werden Ausgabenprogramme weniger gebremst.
- Investitionen haben doppelten Nutzen: Öffentliche Investitionen stimulieren kurzfristig Nachfrage und private Investitionen und können zugleich langfristig die Produktionskapazität über Infrastruktur und Kapitalstock erhöhen.
- Steuersenkungen verpuffen schneller: Steuerliche Entlastungen steigern private Nachfrage schwächer und verlieren laut Studie nach einigen Jahren nahezu ihre Wirkung.
- Politische Abwägung bleibt entscheidend: Ausgabenprogramme eignen sich zur kurzfristigen Stabilisierung, dürfen aber Staatsfinanzen, Inflation und langfristige Wachstumsperspektiven nicht gefährden.
Gemeinsame Geldpolitik im Euroraum erhöht Wirksamkeit nationaler Staatsausgaben – Öffentliche Investitionen und Staatskonsum kurbeln Wirtschaft deutlich stärker an als Steuersenkungen – Kurzfristige Stabilisierungsvorteile müssen gegen Risiken für Staatsfinanzen und langfristiges Wachstum abgewogen werden.
Öffentliche Investitionen und Staatskonsum stabilisieren die Wirtschaft eines Mitgliedslandes des Euroraums kurzfristig deutlich stärker als Steuersenkungen. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die gemeinsame Geldpolitik im Euroraum verstärkt die positiven Effekte fiskalischer Maßnahmen einzelner Länder. Für ihre Untersuchung kombinieren die Studienautoren Gökhan Ider und Malte Rieth aus der Abteilung Makroökonomie ein Modell für eine typische Volkswirtschaft des Euroraums mit empirischen Analysen der Mitgliedstaaten auf Basis von Eurostat-Daten. Das Ergebnis: Jeder zusätzliche Euro an staatlichen Ausgaben erhöht das Bruttoinlandsprodukt demnach im ersten Jahr um bis zu 1,30 Euro. Steuersenkungen erzielen dagegen lediglich einen Effekt von bis zu 40 Cent je Euro.

Die Infografik des DIW Wochenberichts 33/2026 zeigt die Auswirkungen fiskalpolitischer Maßnahmen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum. Im Mittelpunkt steht ein Liniendiagramm mit zwei Kurven, das die Veränderung des BIP in Euro nach einer Erhöhung staatlicher Ausgaben beziehungsweise einer Senkung von Steuern um jeweils einen Euro darstellt. Die horizontale Achse bildet den Zeitraum von null bis vier Jahren nach Einführung der Maßnahme ab, die vertikale Achse die Veränderung des BIP. Die Kurve für Staatsausgaben steigt deutlich stärker an als die für Steuersenkungen. Hervorgehobene Werte zeigen, dass Investitionen und Staatskonsum Effekte von 1,4 beziehungsweise 1,3 Euro auf das BIP erzielen, während Konsumsteuern und Einkommensteuern mit 0,3 beziehungsweise 0,2 Euro deutlich geringere Effekte aufweisen. Die zentrale Aussage lautet, dass Ausgabenerhöhungen im Euroraum einen deutlich höheren Einfluss auf das BIP haben als Steuersenkungen. Quelle: Eurostat und eigene Berechnungen.
Gemeinsame Geldpolitik verändert die Wirkung nationaler Fiskalpolitik
»Die gemeinsame Geldpolitik verändert die Spielregeln der Fiskalpolitik im Euroraum. Weil die Europäische Zentralbank auf fiskalische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten in der Regel nicht reagiert, werden nationale Ausgabenprogramme nicht durch Zinserhöhungen gebremst«, erklärt Studienautor Ider. Gleichzeitig profitieren Steuersenkungen, die tendenziell deflationär wirken, nicht von einer möglichen geldpolitischen Lockerung, die ihre Wirkung zusätzlich verstärken würde. »In einer Währungsunion wie dem Euroraum wirken insbesondere fiskalpolitische Ausgabenmaßnahmen viel stärker als in Ländern mit eigener Geldpolitik wie den USA«, ergänzt Ko-Autor Rieth.
Investitionen und Staatskonsum wirken über unterschiedliche Kanäle
Öffentliche Investitionen und Staatskonsum erhöhen die Wirtschaftsleistung zwar beide stärker als Steuersenkungen, entfalten ihre Wirkung jedoch auf unterschiedliche Weise. Öffentliche Investitionen regen vor allem private Investitionen an und bauen zugleich den öffentlichen Kapitalstock – etwa durch Investitionen in Infrastruktur – aus. Dadurch können sie nicht nur die Nachfrage kurzfristig erhöhen, sondern auch die Produktionskapazitäten der Wirtschaft stärken. Ein höherer Staatskonsum kurbelt dagegen insbesondere den privaten Konsum an. Steuerentlastungen steigern die private Nachfrage insgesamt deutlich schwächer und ihre Wirkung hält kürzer an: Nach vier Jahren ist ihre Wirkung nahezu verpufft, während der Fiskalmultiplikator für Staatsausgaben immer noch bei rund eins liegt.
Kurzfristige Vorteile gegen langfristige Risiken abwägen
»Insbesondere zur kurzfristigen Stabilisierung der Wirtschaft sind gut ausgestaltete Ausgabenmaßnahmen das wirksamere Instrument«, so Ider. »Gleichzeitig müssen die Regierungen die langfristigen Folgen für Staatsfinanzen und Wachstum im Blick behalten.« Höhere Staatsausgaben oder geringere Steuereinnahmen können die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen beeinträchtigen und das langfristige Wirtschaftswachstum schwächen. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass die Ergebnisse vor allem für fiskalpolitische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten gelten. Würden viele Länder des Euroraums ihre Ausgaben gleichzeitig ausweiten, könnte dies eine geldpolitische Reaktion der Europäischen Zentralbank auslösen und die Wirkung der Ausgabenmaßnahmen abschwächen.
https://www.diw.de/de/diw_01.c.1016477.de/publikationen/wochenberichte/2026_33_1/waehrungsunion_veraendert_wirkung_nationaler_fiskalpolitik__staatsausgaben_effektiver_als_steuersenkungen.html
Interview mit Studienautor Gökhan Ider
Von höheren Staatsausgaben profitiert kurzfristig die Wirtschaft mehr als von Steuersenkungen
Herr Ider, im Euroraum wird die Fiskalpolitik national und die Geldpolitik gemeinsam gestaltet. Inwieweit reagiert die Europäische Zentralbank (EZB) auf nationale fiskalische Maßnahmen ihrer Mitgliedsländer?
Der vorrangige Auftrag der EZB besteht darin, die Inflation auf der Ebene des Euroraums zu stabilisieren. Daher erlaubt es ihr Mandat eigentlich nicht, auf länderspezifische fiskalpolitische Lockerungen zu reagieren. Da die meisten Mitgliedsländer zu klein sind, um die Inflation des Euroraums mit ihrer Fiskalpolitik zu beeinflussen, reagiert die EZB tatsächlich nicht systematisch auf solche länderspezifischen Maßnahmen.
Was bedeutet das für die Wirksamkeit der Ausgabenmaßnahmen der Mitgliedstaaten?
Eine fiskalische Expansion, zum Beispiel eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen oder des Staatskonsums, erhöht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Inflation. Eine nationale Zentralbank reagiert normalerweise auf diesen Inflationsanstieg mit einer Anhebung der Zinssätze, was wiederum dem Anstieg des BIP entgegenwirkt. Im Euroraum jedoch wird die Geldpolitik der EZB nicht durch nationale finanzpolitische Maßnahmen beeinflusst. Wenn also ein Land wie Italien oder Spanien seine Staatsausgaben erhöht, lässt dies wie erwünscht das BIP in diesem Land steigen, ohne dass die EZB die Zinssätze anhebt, was dem positiven Effekt der höheren Staatsausgaben entgegenwirken würde.
Wie stark erhöhen öffentliche Investitionen oder der Staatskonsum das Bruttoinlandsprodukt eines Mitgliedstaates?
In dieser Studie stellen wir fest, dass ein Anstieg der öffentlichen Investitionen oder des staatlichen Konsums um einen Euro das BIP dieses Landes um etwa 1,30 Euro erhöht. Obwohl die Gesamtauswirkungen beider staatlicher Ausgabenmaßnahmen auf das BIP recht ähnlich sind, wirken sie sich leicht unterschiedlich auf die Wirtschaft aus. Steigende öffentliche Investitionen kurbeln sowohl den privaten Konsum als auch die privaten Investitionen an, während eine Steigerung des staatlichen Konsums zwar den privaten Konsum erhöht, aber auch einen leichten Rückgang der privaten Investitionen zur Folge hat.
Welche Wirkung haben höhere Staatsausgaben im Vergleich zu Steuersenkungen?
Maßnahmen zur Erhöhung der Staatsausgaben lassen unseren Berechnungen zufolge das BIP deutlich stärker steigen als Steuersenkungen. Dies gilt sowohl für die Senkung der Konsumsteuern als auch für die Senkung der Einkommensteuern. Staatliche Ausgabenmaßnahmen kurbeln das Wirtschaftswachstum eines einzelnen Landes also wirksamer an als Steuersenkungen. Darüber hinaus stellen wir fest, dass höhere staatliche Ausgaben die Inflation treiben. Senkungen der Konsum- oder Einkommensteuern lassen hingegen die Inflationsrate zurückgehen oder wirken sich zumindest nur sehr gering und vernachlässigbar aus.
Wie sollten die kurzfristige Stabilisierung der Wirtschaftsleistung und die langfristige Tragfähigkeit gegeneinander abgewogen werden?
Politische Entscheidungsträger sollten in schlechten Zeiten kurzfristig mit Ausgabenmaßnahmen reagieren, um negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu minimieren und so den Abwärtsdruck auf Haushalte und Unternehmen zu mildern. Allerdings können solche fiskalischen Expansionen nicht ständig eingesetzt werden, wann immer die politischen Entscheidungsträger das Wirtschaftswachstum ankurbeln möchten, da dies negative Auswirkungen auf die langfristige Tragfähigkeit der Staatsverschuldung hätte.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
FAQ
Warum sind Staatsausgaben im Euroraum besonders wirksam?
Weil die Geldpolitik zentral durch die EZB gesteuert wird und in der Regel nicht auf fiskalische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten reagiert. Dadurch werden nationale Ausgabenprogramme nicht unmittelbar durch höhere Zinsen abgeschwächt.
Welche Maßnahmen erzielen laut Studie die größten Effekte?
Öffentliche Investitionen und Staatskonsum wirken deutlich stärker auf das BIP als Konsum- oder Einkommensteuersenkungen.
Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Investitionen und Staatskonsum?
Investitionen erhöhen nicht nur kurzfristig die Nachfrage, sondern können über Infrastruktur und Kapitalstock auch die langfristige Leistungsfähigkeit stärken. Staatskonsum wirkt vor allem über den privaten Konsum.
Welche Risiken sind zu beachten?
Höhere Ausgaben oder geringere Einnahmen können die Tragfähigkeit öffentlicher Finanzen belasten. Zudem könnte eine koordinierte Ausweitung vieler Länder eine geldpolitische Reaktion auslösen und die Wirkung abschwächen.
Für wen sind die Ergebnisse besonders relevant?
Die Ergebnisse sind vor allem für Finanzministerien, wirtschaftspolitische Entscheiderinnen und Entscheider sowie Institutionen relevant, die über Konjunkturstabilisierung, Investitionsprogramme oder steuerliche Entlastungen im Euroraum entscheiden.
Warum reagieren Steuersenkungen schwächer als Staatsausgaben?
Steuersenkungen erhöhen zwar das verfügbare Einkommen, werden aber nicht vollständig in zusätzlichen Konsum oder Investitionen umgesetzt. Ein Teil kann gespart werden oder in geringere Staatseinnahmen münden, ohne kurzfristig denselben Nachfrageimpuls auszulösen.
Gelten die Ergebnisse für alle Länder des Euroraums gleichermaßen?
Die Studie beschreibt typische Wirkungsmechanismen innerhalb des Euroraums. Die konkrete Wirkung kann jedoch je nach Wirtschaftsstruktur, Verschuldung, Ausgabeneffizienz und konjunktureller Lage eines einzelnen Landes variieren.
Was bedeutet das für öffentliche Investitionsprogramme?
Investitionsprogramme sollten möglichst gezielt, umsetzungsreif und wachstumsfördernd ausgestaltet sein. Besonders wirksam sind Maßnahmen, die kurzfristig Nachfrage schaffen und zugleich langfristig Infrastruktur, Produktivität oder private Investitionen stärken.
Wann könnte die EZB doch reagieren?
Wenn viele Mitgliedstaaten gleichzeitig ihre Ausgaben deutlich ausweiten und dadurch die Inflation im gesamten Euroraum steigt, könnte die EZB geldpolitisch gegensteuern. In diesem Fall würden höhere Zinsen die Wirkung nationaler Fiskalimpulse abschwächen.
Welche Management-Implikation lässt sich daraus ableiten?
Für strategische Entscheidungen bedeutet dies: In Abschwungphasen sollten Ausgabenmaßnahmen gegenüber pauschalen Steuersenkungen priorisiert werden, wenn schnelle konjunkturelle Stabilisierung im Vordergrund steht. Gleichzeitig braucht es klare Priorisierung, Finanzierung und Erfolgskontrolle.
Management Summary, FAQ und Bild wurden mit Hilfe von KI erstellt
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