Zukunftsforschung: Wir brauchen mehr Innovation

Illustration: Geralt Absmeier

Die aktuelle Corona-Situation zeigt mit besonderer Klarheit den Innovationsbedarf unserer Gesellschaft, die sich auf dem Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft gründet. Wenn die digitale Revolution in Amerika ihren Ursprung hatte, dann fand sie glühende Verfechter und Vorreiter in China. In Europa schauen wir mit einer Mischung aus Bewunderung und Befremden in den Fernen Osten. Die Geschwindigkeit, mit der China nach anfänglichem Vertuschen, Maßnahmen ergriff, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen und Krankenhäuser binnen weniger Wochen baute, ist beeindruckend und erfährt zurecht Anerkennung. Wenngleich die Berliner Charité eines der ersten Testkits weltweit für den Corona-Virus entwickelte, ist es doch China, das eine halbe Million chinesischer Tests in die USA und 20.000 in jedes afrikanische Land liefert und auch dadurch seinen Führungsanspruch in der Welt deutlich zur Schau stellt.

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Haben wir also nur die Wahl zwischen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen Chinas und Amerikas oder gelingt es uns, unsere soziale Marktwirtschaft zu modernisieren, ein neues Arbeiten und Lernen, ein neues Wirtschaften zu entwickeln und neue Formen zivilgesellschaftlicher Lösungen zu finden, die es uns ermöglichen, mit den Geschwindigkeiten der Digitalmächte USA und China standzuhalten, ohne unsere Werte von Demokratie und Freiheit in den Wind zu schreiben? Das ist die Kernfrage der Studie »Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft«, an der wir seit Januar arbeiten. Am 14. September werden wir mit Vordenkern aus der Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft in München Thesen entwickeln, die auf dieser Studie basieren.

Allein die letzten zehn Tage haben machtvoll demonstriert, wie schwer sich Wirtschaft und Verwaltung mit modernen Arbeitsformen tun. Viele Unternehmen sind nicht in der Lage, Mitarbeiter*innen in Wissens- und Verwaltungstätigkeiten ins Home Office zu entsenden, weil schlicht die technischen Voraussetzungen, die es zwar schon seit Jahren gibt, fehlen. Und selbst dort, wo das gelingt, herrscht vielerorts noch eine alte Denke von achtstündigen Anwesenheitspflichten. Schulen, Ausbildungszentren und Universitäten erkennen erst jetzt, was Tele-Bildung zu tun vermag, aber sind nun gezwungen, Hausaufgaben per E-Mail zu formulieren, weil sie in den letzten zwei Jahrzehnten Maßnahmen zur Modernisierung unserer Bildung an sich abprallen lassen haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass die jetzige Krise einen Modernisierungsschub geben wird, wenn Manager*innen von Unternehmen und Leiter*innen von Bildungseinrichtungen erkennen, dass ihre Mitarbeiter*innen weiterarbeiten und Schüler*innen weiter lernen – oftmals mit besseren Ergebnissen als zuvor.

Wenn Aktienindizes ein Messwert für die Zukunftsfähigkeit einer Wirtschaft sind, dann lohnt es sich auf die Verluste von Dax und Dow Jones im Vergleich zum Shanghai Stock Exchange Composite Index oder Nasdaq zu schauen. Erstere standen am Freitag, den 20.3.2020 rund 31 % und 26 % niedriger als noch vor 6 Monaten letztere nur 10 % und 12 %. Die Industrien, die jahrelang das Rückgrat unserer Marktwirtschaft waren, haben viel zu oft versäumt, das Risiko bahnbrechender Innovationen einzugehen. Schon in 2016 ergab unser Trendindex, dass jeder dritte Innovationschef in deutschen Unternehmen zugab, Innovationen behindert zu haben. In unseren Unternehmen fehlt es nicht vorrangig an guten Ingenieuren und Wissenschaftlern, sondern an guten Geschäftsmodellen und Mut, diese in den Markt zu treiben. Und gesellschaftlich standen wir bisher neuen Technologien eher skeptisch gegenüber, statt uns Gedanken zu machen, wie wir ihnen den Weg bereiten wollen. Wie mein Kollege und Gründer von 2b ahead, Sven Jánszky, diese Woche fragte – warum wurde die Firma CureVac ins Weiße Haus und nicht ins Bundeskanzleramt eingeladen? [1]

Wir halten es für wahrscheinlich, dass die jetzige wirtschaftliche Krise in einigen Industrien zu Worst-case-Szenarien führen wird. Unsere Wirtschaft wird sich dann regenerieren, wenn sie zukunftsfähige Mobilitätskonzepte wie autonomes Fahren mit demselben Elan vorantreibt, wie das in den USA und China passiert, wenn wir auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und Informationstechnologien unsere Vorbehalte ablegen und Vorreiter werden auf dem Gebiet praktikabler ethischer KI und Human-Digitaler Teams. Wenn wir Technologietreiber werden bei neuen Klimatechnologien, die weit über Wind und Solar hinausgehen. Und wenn wir ideologische Vorurteile gegen Genetik, Biotechnologie und Life Sciences ablegen.

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Was mir große Hoffnung macht, ist die hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, durch soziale Innovation neue Formen zivilgesellschaftlicher Lösungen zu finden. An vielen Ecken und Enden sprießen Initiativen, die sich Plattformen und digitale Technologien zu eigen machen, um Hilfe und Unterstützung zu vermitteln für Landwirte, denen die Erntehelfer bei der Spargelernte fehlen, ältere gefährdete Menschen, die beim Einkauf unterstützt werden, Eltern und Lehrer entlasten bei Bildungs- und Betreuungsangeboten. Das Internet hilft uns, in Zeiten sozialer Isolation, enger zusammenzurücken. Auch wir unterstützen eine solche Initiative – https://helpunity.eu/. Und mancher unserer Mitarbeiter beteiligt sich am WirvsVirus-Hackathon der Bundesregierung. Warum tun wir das? Weil wir überzeugt sind, dass durch solche Initiativen neue Formen von Entscheidungsfindung und Handlungsfähigkeit zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erprobt und sich letztendlich durchsetzen werden.

In diesem Sinne sind wir nicht nur eine strategische Denkfabrik für die Wirtschaft, sondern handeln nach der Maxime, dass wie die Welt nur in dem Maße verstehen, wie wir selbst versuchen, sie zu verändern. Ich möchte Sie ermutigen, sich auch in der jetzigen Situation mit der Zukunft auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, was Sie als nächstes tun werden, wenn die schlimmsten Auswirkungen dieser Pandemie vorüber sind.

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Bleiben Sie gesund!

Jan Berger, CEO, 2b Ahead ThinkTank

 

Wenn Sie wissen möchten, was Zukunftsforscher sonst so den ganzen Tag treiben, dann hören Sie in die neue Episode des Podcasts rein.

 

[1] Die Nachricht über das Angebot aus den USA für die Firma CureVac hat sich mittlerweile als Fake News herausgestellt.

 

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